Lademarkt-Report: Wo die Deutschen ihre E-Autos laden

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Das öffentliche Ladenetz für Elektroautos wächst und wächst stetig weiter. In Städten ebenso wie entlang der Autobahnen. Mal schneller, mal langsamer. Ein aktueller Report von Elvah zeigt, wo besonders viel und oft geladen wird – und was noch verbessert werden muss.

Insgesamt haben E-Auto-Fahrer demnach im ersten Halbjahr 2024 mehr als 21 Millionen öffentliche Ladevorgänge gestartet, und dabei 482 GWh Strom in die Akkus ihrer Autos gefüllt. Fast ein Fünftel – 90 GWh – des gesamten Ladestroms wurde an Standorten entlang der Autobahnen in E-Autos geladen. Für ihre Auswertung hat die Eon-Tochter nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Milliarde öffentlich zugängliche Daten ausgewertet.

Bei den Schnellladevorgängen per DC-Ladung mit mehr als 50 kW Ladeleistung gibt es einen klaren Marktführer: Den Spitzenplatz belegt EnBW mit einem Marktanteil von 31 Prozent, was vor allem dadurch begünstigt wird, dass das Unternehmen aus Baden-Württemberg früh eingestiegen ist in den Lademarkt und konsequent attraktive Standorte entlang der Autobahnen und in der Nähe von Einzelhändlern aufgebaut hat. EnBW ist sogar in allen 16 Bundesländern Marktführer beim DC-Laden. Deutlich dahinter kommen Aral Pulse (10 Prozent), Ionity (9 Prozent) und EWE Go (7 Prozent). Unter der 5-Prozent-Marke komplettieren Allego, Aldi Süd, Pfalzwerke, Eon, Fastned und Lidl die Top Ten.

Der AC-Bereich mit Ladegeschwindigkeiten unter 22 kW ist deutlich homogener, hier dominieren konzeptbedingt regional verwurzelte Stadtwerke und Energieversorger. Compleo führt das AC-Ranking mit knapp 9 Prozent Marktanteil an, es folgen die Hamburger Energiewerke mit 5 Prozent und EnBW mit 4 Prozent. Dahinter folgen die Stadtwerke München, die Berliner Stadtwerke, Ladeverbund+, die Stadtwerke Düsseldorf, Lichtblick, TankE und Lidl.

Manche vermissen in den Auflistungen sicher beliebte Anbieter wie Tesla (mehr als 2500 Schnellladepunkte in Deutschland) sowie Shell (mehr als 400 Schnellladepunkte). Elvah verweist darauf, dass die beiden Unternehmen in dem Report aufgrund mangelnder oder erschwerter Datenbereitstellung keine Betrachtung finden konnten. Die Autor:innen nehmen an, dass Tesla sich im Bereich der Plätze 3 bis 5 und Shell im Bereich der Plätze 8 bis 10 einsortieren würde.

„Ehrlich gesagt ist das ein echtes Armutszeugnis“

Allerdings besteht Nachholbedarf bei der Verlässlichkeit: Dass mit 11 Prozent mehr als jeder zehnte Ladevorgang scheitert, sollte schnellstmöglich behoben werden. Die tatsächliche Zahl der gescheiterten Ladevorgänge dürfte jedoch noch deutlich höher liegen: Denn fehlgeschlagene Ladevorgänge, bei denen die Station überhaupt nicht reagiert, sind in dieser Statistik nicht berücksichtigt, wie Elvah erklärt. „Ehrlich gesagt ist das ein echtes Armutszeugnis. Ich hätte gedacht, dass sich das mittlerweile deutlich gebessert hat. Hieran muss dringend gearbeitet werden, um nicht Wasser auf die Mühlen der Elektroautoskeptiker:innen zu gießen“, wird Dr. Till Gnann vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in dem Report zitiert.

E-Auto-Journalist Robin Engelhardt sieht den Knackpunkt demnach vor allem bei der Software. „Die Autos sind dabei selten das Problem, viel öfter streikt die Säule. Selten ist es ein echter physikalischer Fehler, meistens hakt es irgendwo in der Software beim Bezahlen“. Kontaktlose Bezahlung mit Kreditkarte, wie es nun durch die AFIR vorgeschrieben ist, schaffe hier Abhilfe.

Betrachtet man die Ladevorgänge pro Einwohner eines Bundeslandes, so liegt der Stadtstaat Hamburg, der die E-Mobilität auf vielerlei Art fördert, deutlich vorne, mit 0,43 Ladevorgängen pro Einwohner, gefolgt von Baden-Württemberg, das knapp vor Bayern liegt. Schlusslichter bei den Pro-Kopf-Ladevorgängen sind Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen sowie Sachsen-Anhalt.

Auch die erfolgreichsten Ladestandorte werden im dem Ranking aufgeführt, mancher könnte sich vielleicht schon denken, wer hier ganz vorne liegt – es sind zwei Standorte großer Autohersteller mit jeweils Hunderten AC-Ladepunkten an einem Ort: Am FIZ, dem Forschungs- und Innovationszentrum von BMW in München, wurden 881 MWh Strom in die Akkus von E-Autos geladen. Am Hauptstandort der Volkswagen AG in Wolfsburg waren es mit 876 MWh nur knapp weniger. Auf Rang 3 folgt Deutschlands beliebtester Autobahnstandort, und auch hier dürfte so manch einer eine Vorahnung haben: Es ist der Ladepark am Kreuz Hilden in der Nähe von Düsseldorf, wo E-Auto-Fahrer 739 MWh Energie geladen haben.

Ein interessanter Punkt im Report von Elvah ist der Effektivitätsfaktor eines Betreibers. Er zeigt an, wie viel die Charge Point Operator (CPO) aus ihrer Ladeinfrastruktur herausholen. Dabei wird der Marktanteil der Ladevorgänge ins Verhältnis zum Marktanteil der Ladeinfrastruktur gesetzt. Ein Wert von mehr als 1 zeigt an, dass der Marktanteil an den Ladevorgängen höher ist als der Marktanteil der Ladeinfrastruktur.

An der Spitze dieses Effektivitätsrankings steht Ionity, die mit 3 Prozent der DC-Ladepunkte fast 9 Prozent der Ladevorgänge abwickeln und somit auf einen Effektivitätsfaktor von 3,1 kommen. Aldi Süd folgt mit einem Effektivitätsfaktor von 2,2, Fastned erreicht einen Faktor von 1,9. Marktführer EnBW hat einen Effektivitätsfaktor von 1,6.

„Bei Verbrenner-Tankstellen gibt es ja auch keine Abos“

Im Experten-Fazit kritisiert E-Auto-Journalist Engelhardt die „‚Lock-In‘-Bemühungen der CPO durch Abo-Modelle“, die im Gegenzug für eine monatliche Grundgebühr vergünstigte kWh-Preise für Abonnenten mit sich bringen. Diese seien zwar „aus Sicht der Unternehmen eine sinnvolle Strategie, langfristig aber eine Wettbewerbsverzerrung, die die Konzentration der Marktmacht bei wenigen großen Playern“ zur Folge haben könne. Engelhardt würde es im Sinne der E-Mobilität „begrüßen, wenn die Grundgebühren zügig wieder beerdigt werden. Bei Verbrenner-Tankstellen gibt es ja auch keine Abos.“

In seinem Report präsentiert Elvah viele weitere spannende Einblicke in den deutschen Lademarkt, wie etwa detaillierte Auswertungen für einzelne Bundesländer sowie die zehn Autobahnen, an denen die meiste Energie geladen wurde, ebenfalls mit Ergebnissen im Detail. Der Lademarkt-Report steht bei Elvah kostenlos zum Download bereit.

Quelle: Elvah – Lademarkt-Report

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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pani:

MICH interessiert hier keine Vergabe von Medaillen. Fakt ist für mich als Nicht-Tesla-Fahrer, dass die Ladeinfrastruktur von Tesla allen anderen Ladeanbietern deutlich überlegen ist. Ich habe in zwei Jahren noch nicht ein einziges Mal erlebt, dass ein Ladeversuch fehlgeschlagen wäre. Über meine Erlebnisse an anderen Ladesäulen könnte ich aber ein halbes Oktavheft füllen. Leider wird mein E-Audi an Teslasäulen endgültig zum Schnarchlader, sonst fände dieses unfassbar zynische Ladekarten- Bezahl- und Strompreischaos auch für mich als Nicht-Tesla-Fahrer endlich ein Ende.

Rolando:

Leider ist nur ein Verweis nicht seriös. Wenn ich in meine Tesla App schaue dann sind die Ladeparks immer ziemlich stark ausgelastet (Hilden hat z.B. 40 Schnellladeplätze!) weil Tesla einer der günstigsten oder sogar der günstigste Anbieter ist – für den Tesla Fahrer sowieso. D.h. die Ladezahlen bei Tesla sind nicht marginal wie im Artikel vermutet.

Gastschreiber:

Ist sie wohl nicht ganz. Ich finde es gut, dass es den HInweis gibt auf Tesla. Wenn ich für meine Studie bestimmte Daten benötige, diese aber von einem Anbieter nicht bekomme, dann ist Hinweis legitim und der Anbieter selber schuld und das nicht der Studie sondern dem Anbieter anzulasten.
Nebenbei finde ich es seriös, dass es einen Versuch der Einschätzung im Ranking gibt. Einige Daten, wie Anzahl etc. liegen vor, die Einordnung entspricht auch in etwa dem, was bspw. Nextmove auch, anzahlbezogen, für Tesla zeigt.

Rolando:

Die Autoren nehmen an das Tesla…. und ich nehme an das Tesla beim Schnellladen auf einem Spitzenplatz ist. Alles Spekulation und damit ist der Bericht wertlos.

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