Renault-CEO will „Klarheit“, aber auch „Flexibilität“ für die Antriebswende

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
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Eine Kritik von Michael Neißendorfer

Wenn man Roulette spielt, sollte man nicht alles auf eine Farbe setzen“, sagte Renault-Chef Luca de Meo in einem gemeinsamen Interview mit dem Handelsblatt, Les Échos aus Frankreich, der Corriere della Sera aus Italien und El Mundo aus Spanien angesichts der aktuellen Debatten um das sogenannte Verbrenner-Verbot der EU ab 2035. Das eigentlich gar kein Verbot ist: Es geht lediglich darum, dass fossiler und daher extrem klimaschädlicher Treibstoff verbannt und durch E-Fuels ersetzt wird, die – sofern, und was das Gros der Fachleute anzweifelt, erneuerbare Energien in ausreichender Menge zur Verfügung stehen – CO2-neutral produziert werden können.

De Meo ist der Ansicht, Europa sei „nicht auf Kurs“, dass bis Mitte des kommenden Jahrzehnts – also in gut zehn Jahren – 100 Prozent der Neufahrzeuge vollelektrisch sein können. „Wir brauchen etwas mehr Flexibilität“, forderte de Meo, der neben seinem CEO-Posten bei Renault auch das Amt des Präsidenten des Verbandes der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) innehat, in dem Interview, das man unkommentiert nicht stehenlassen kann.

Er habe schon vor zwei Jahren gefordert, für das fossile Verbrenner-Aus nicht 2035, sondern eher 2040 anzuvisieren. Gleichzeitig sagt er aber: „Wir dürfen die derzeitige Lage auf dem E-Auto-Markt aber auch nicht dahingehend instrumentalisieren, das Ziel einfach so aufzugeben“, mahnt er. „Das wäre ein schwerer strategischer Fehler“, da die europäische Automobilindustrie bereits „Dutzende Milliarden Euro in diese Transformation investiert“ habe.

De Meos ambivalente Aussagen spiegeln recht gut den aktuellen Diskurs wider, der zerrissener und widersprüchlicher kaum sein könnte. Einerseits sollen Elektroautos als der Antrieb der Zukunft schlechthin gepusht werden, andererseits der Verbrenner für Nischenanwendungen weiterentwickelt werden, so wie es die entsprechende EU-Verordnung von Anfang an vorgesehen hat, mit einem Hintertürchen für E-Fuels, das auch nach den aktuellen Wahlen weiterhin offensteht.

Die Politik kann nicht ihre Position ändern in dem Moment, in dem alle unsere Anstrengungen konkret werden mit neuen Modellen, die auf den Markt kommen. Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verweigern“, sagte De Meo in dem Interview.

„Die Autos der neuen Generation sind alles Elektroautos“

Und die Elektrifizierung des Automobils gehört zum Fortschritt“, präzisierte er. „Die Autos der neuen Generation“ seien allesamt „vollelektrische Fahrzeuge“, stellt De Meo klar. Ihm gehe es nur „um das Tempo der Transformation“. Der Renault-Chef respektiere „die Entscheidung des Gesetzgebers“, aber bis 2035 „auf 100 Prozent zu kommen, ist wirklich sehr kompliziert“.

Man müsse auch berücksichtigen, dass die Antriebswende in den einzelnen EU-Ländern unterschiedlich schnell verlaufe und schon jetzt, besonders ab 2025, immer schärfere CO2-Flottenziele für die Hersteller greifen – welche übrigens schon im Jahr 2009 (!), vor 15 Jahren, von der EU erstmals beschlossen und seitdem immer strenger gezogen wurden. Die europäische Autoindustrie hätte also durchaus Zeit gehabt, an CO2-armen Alternativen zu arbeiten, andere Länder haben das schließlich auch geschafft, doch dazu später mehr.

Ab 2025 werden die CO2-Flottengrenzwerte nochmals verschärft, was die Autohersteller angesichts der langen Vorlaufzeit, die entsprechende Verordnung wurde im April 2019 verabschiedet, eigentlich nicht unvorbereitet treffen sollte. De Meo sagt nun: „Entwickelt sich der Markt weiter wie jetzt, dann wird diese Regulierung die Hersteller mehr als zehn Milliarden Euro an Bußgeldern kosten“. Also zumindest die, die ihre Elektrifizierung verschlafen haben, vergaß de Meo zu erwähnen, schließlich gibt es einige Hersteller, die durchaus in der Lage sind, ihre CO2-Flottenziele auch zu erreichen. BMW etwa bekräftigt schon seit Jahren, seine CO2-Ziele überzuerfüllen und der EU-Verordnung um mehrere Jahre voraus zu sein.

De Meo bemängelt trotzdem, „dass Europa die Autoindustrie leider ohne umfassende Folgenabschätzung reguliert“ haben soll. Dabei wurden neben den Grenzwerten auch die Bußgelder stets klar und offen kommuniziert. Wie sonst könnte de Meo auch abschätzen, dass, wie er zuvor sagte, „mehr als zehn Milliarden Euro an Bußgeldern“ fällig werden?

„Wir brauchen Planungssicherheit“

De Meo sagt auch: „Ein Unternehmen benötigt Klarheit“, und: „Um Entscheidungen zu treffen, brauchen wir Planungssicherheit“, und dass „politisch Verantwortliche verstehen müssen, dass die Fragen der industriellen Strategie über die Amtszeit einer Regierung oder eine Wahl hinausreichen und ein Land für zehn bis 15 Jahre prägen“, diese Stabilität sei „unerlässlich“. Warum ihm ein für 2035 verbindlich festgelegtes Enddatum für den fossilen Verbrenner in der EU und der Fokus auf den rein elektrischen Antrieb nicht klar genug ist? Warum die bereits 2019 festgelegten Flottengrenzwerte bis 2030 keine Planungssicherheit bieten sollen? Diese Frage hätten wir de Meo gern gestellt.

Recht aber hat de Meo damit, dass man die Bestandsflotte bei allen Diskussionen berücksichtigen muss, die bei fast 300 Millionen Fahrzeugen liegt und so schnell nicht komplett erneuert werden kann. „Da können auch alternative Kraftstoffe eine Lösung sein“, so der Renault- und ACEA-Chef.

Die Erneuerung der Bestandsflotte hat indes schon längst begonnen, und wird weiter Fahrt aufnehmen, allen Debatten unweigerlich zum Trotz. Denn wie de Meo in dem Interview auch sagte, wird der neue E-Twingo von Renault, der 2025 für weniger als 20.000 Euro erscheinen soll, günstiger sein als sein Verbrenner-Pendant – „denn mit der Abgasnorm Euro 7 werden Verbrennungsmotoren teurer“, erklärt der Renault-Chef: „Die Vorgaben zum Schadstoffausstoß erfordern eine immer anspruchsvollere Bauweise dieser Motoren mit Filtern und zunehmend auch den Einsatz von Hybrid-Technologie.“ Hinzu kommt, dass ab 2026 auch der CO2-Preis und mit ihm die Preise für Benzin und Diesel nochmals weiter steigen werden. Was den schon jetzt sehr deutlichen Vorsprung von Elektroautos bei den Verbrauchskosten weiter ausbauen wird.

Dass die Antriebswende auch gelingen kann, und dass – wenn man zwischen den Zeilen liest gibt der Renault-Chef dies zu – Europa die Transformation zum Elektroauto verschlafen hat, sagt de Meo mit Blick auf Hersteller aus China: „Die Chinesen haben in der E-Mobilität sehr früh die Möglichkeiten eines Technologiesprungs gesehen, als wir in Europa noch über den Diesel diskutiert haben. Sie haben sich dabei einen Vorsprung von einer Generation aufgebaut“, was in der Automobilindustrie gut sechs, sieben Jahren entspricht. Nun belegt die EU Elektroautos aus China mit Strafzöllen, um die hiesigen Autohersteller zu schützen.

Es möge tatsächlich unlauterer Wettbewerb sein, wenn Chinas Parteibosse großzügig Fördergelder verteilen, damit die dortige Autoindustrie günstig Elektroautos produzieren kann. Angesichts der politischen Weichen, die auch in der EU schon längst gestellt wurden, ist es ein Armutszeugnis, dass mancher europäische Autohersteller sich immer noch nicht im Stande sieht, ebenfalls günstige Elektroautos für den Massenmarkt zu produzieren und die Antriebswende, wie schon in den Jahren zuvor, sehenden Auges weiter zu verschleppen.

Quelle: Handelsblatt – Renault-Chef fordert mehr Flexibilität beim Verbrenner-Aus

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Daniel W.:

Die Verbrennerlobby sucht immer nach Hintertürchen – noch ein paar Jährchen für Verbrenner dranhängen oder Verbrenner mit anderen Stoffen laufen zu lassen, aber alles läuft auf weitere Luftverschmutzungen und Lärm hinaus, das die Gesundheit von Millionen bzw. Milliarden Bürger und das Klima schädigt.

E-Motoren und Akkus lassen sich von Akkuschraubern über Pedelecs und E-Autos bis zu schweren Fahrzeugen nutzen. Und es wäre supergünstig, wenn sich alle Fahrzeuge mit E-Motoren und Akkus günstig zu Hausstrompreisen aufladen ließen wie Akkuschrauber, Pedelecs und E-Autos an der heimischen Wallbox.

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… ein Liter Benzin zwischen 720 g und 775 g, ein Liter Diesel zwischen 820 g und 845 g
(Quelle: aral.de)
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Benzin und Diesel im Tank wiegen weniger als Akkus, aber ein Pkw mit 12.500 km/Jahr und 5 – 7 Liter/100 km verbrennt ca. 467 – 728 kg an Kraftstoff im Jahr

In 10 Jahre wären es beim Verbrenner 4,67 bis 7,28 Tonnen an Kraftstoff, der durch den Auspuff gejagt wird, dagegen ist ein Akku ein Leichtgewicht, der nach 10 Jahren oder mehr immer noch als stationäre Speicher genutzt werden kann, somit wäre der Akku sozusagen ein Fliegengewicht gegenüber dem Benzintank.

Das E-Auto hat soviele Vorteile, dass es nur an der Gewinnmaximierung der mächtigen Mineralölkonzerne und den bestechlichen Politikern scheitern kann.

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