Goodwood Festival of Speed 2024: Rückenwind auf der Insel

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Stefan Grundhoff
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Wer meint, die britischen Motorshows sind tot, irrt sich nicht. Seit vielen Jahren herrscht in Birmingham oder London tote Hose rund um das moderne Automobil. Doch die echten Autofans treffen sich im Sommer bei Lord March und zelebrieren das Auto vier Tage wie nur Briten es können.

Über die Sinnhaftigkeit des sogenannten Hill Climb lässt sich vortrefflich streiten, Formel-1-Piloten, Promis mit Rennlizenz und Testfahrer der Autohersteller donnern das nur 1,16 Meilen, gut 1,9 Kilometer, lange Asphaltband den erlauchten Hügel hinauf. Vorbei an Tausenden begeisterter Zuschauer, die brüllen, grölen und feiern, wenn bei heißen Drifts mächtig Gummi verbrannt wird.

Doch nicht allein Monoposti, Prototypen und abgefahrene Rennwagen wollen unter jubelnden Massen die Rekordzeit von knapp 40 Sekunden schaffen, die Autoindustrie hat das Festival längst zur Open-Air-Messe der Neuzeit werden lassen. Die Industrie folgt dem teuren Lockruf von Lord March in Scharen, dem hier nennenswerte Teile des Großareals gehören – Flugplatz und eigene Rennstrecke eingeschlossen. Das Goodwood Festival of Speed ist längst zur wichtigsten Automesse Englands, vielleicht sogar ganz Europas (?) geworden.

Die Stimmung könnte in diesem Jahr besser nicht sein, denn seit Wochen passt zum ersten Mal das Wetter. Die rund 150.000 Fans sprechen mit dem Smartphone in der einen, einem Eis in der anderen Hand über den Sieg von Louis Hamilton beim Formel-1-Heimrennen in Silverstone, das gewonnene Halbfinale bei der Fußball-Europameisterschaft gegen die Niederlande und dass das Finale am Sonntag gegen Spanien nur noch Formsache ist. Die Fans frohlocken und die Hersteller sind ebenfalls glücklich. Nach dem Untergang der klassischen Messen und fehlenden Alternativen endlich ein Format, um die frohe Autobotschaft nebst Elektrifizierungstendenzen in die weite Welt herauszutragen – auch wenn es hier nur die seichten Hügelketten von Lord March sind.

Der vermarktet die Veranstaltung seit den frühen 1990er Jahren bestens und hat die Chance erkannt, das Festival of Speed zu einem Mekka der Autofans werden zu lassen – bodenständig und exklusiv zugleich. BMW präsentiert direkt neben dem Hill Climb seinen neuen BMW M5 Plug-in-Hybrid und das Volumenmodell X3 – mit und ohne Stecker, während das scharfe Elektromodell des Mini Cooper JCW ein paar Meter weiter ebenfalls seinen ersten offiziellen Auftritt hat.

Ineos, Genesis, Mercedes, Porsche oder Toyota – sie alle sind da und haben gleichermaßen Neuheiten wie Klassiker mitgebracht, während MG, mittlerweile in chinesischer SAIC-Hand, vor dem Schloss von Lord March farbenprächtig mit einem Feuerwerk seinen 100. Firmengeburtstag zelebriert. Im Minutenrhythmus donnern die Boliden den Hügel herauf; zentimetergenau vorbei an Strohballen und Absperrungen. Doch die Sympathien sind klar verteilt, denn für die leistungsstarken neuen Modelle, die den Hill Climb mit Elektropower beeindruckend unspektakulär hinter sich bringen, interessieren sich nur wenige.

Ganz anders sieht es aus, wenn Traditionsrenner mit ohrenbetäubenden Donnern in den Rechtskurven ihr Heck auskeilen lassen oder gar Donuts drehen – das Publikum tobt, als die Gruppe-B-Renner nach der Bestzeit hecheln oder der neu aufgebaute Auto Union Typ 52 mit seinem 16-Zylinder zum Leben erweckt wird. Der Dreisitzer aus den 1930er Jahren ist eine Art Autobahnkurier mit vier Ringen – angetrieben von einem 520 PS starken V16-Aggregat im Heck.

Auto Union Typ 52
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Da haben es selbst elektrische Publikumslieblinge wie der Alpine A290 oder ein MG Cyberster schwer, Aufmerksamkeit zu erlangen und der neue Ford Capri sorgt bei seinem ersten offiziellen Auftritt auch bei den britischen Sportwagenfans ob seiner namentlichen Retro-Reminiszenz für Kopfschütteln. Honda zeigt beim Festival of Speed erstmals seinen neuen Prelude, während MG das Tuch vom HS zieht.

Stattdessen sind es Powerhybriden wie der BMW M5, Bentley Continental GT Hybrid, Lamborghini Urus SE, Mercedes AMG GT 63 Pro – jeweils über 600, 700 oder gar 800 PS stark – oder ein McLaren Senna in Sempre-Lackierung, die die Fans wirklich begeistern.

Auch Elektroautos sind beim Festival of Speed ein Thema

Dabei ist die Elektromobilität auch auf dem Festival of Speed durchaus ein Thema, denn die Sonderausstellung der Electric Avenue oder die Elektroautos an den einzelnen Messeständen stoßen bei den Fans – anders als beim Hill Climb – auf großes Interesse. Nicht überraschend sind es speziell die besonders leistungsstarken Fahrzeuge und die Edelmarken, die auf dem Goodwood-Gelände am meisten glänzen.

Festival of Speed BYD
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Und einmal mehr trumpfen auch beim Festival insbesondere die chinesischen Hersteller groß auf: MG, Nio, BYD, Yangfeng, Hongqi oder Polestar trommeln im Süden Englands mindestens genauso lautstark wie bei einstigen Messeevents von Paris, Tokio, München oder Genf. Dass nebenan im strahlenden Sonnenschein gepicknickt wird und Erdbeeren beinahe ebenso reißenden Ansatz finden wie die obligatorischen Goodwood-Devotionalien, während Pikes-Peak-Renner vorbeidonnern, macht den ganzen Event nur noch charmanter. Wer weiß, wie lange das gute Wetter in Chichester noch hält?

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Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff ist seit frühester Kindheit ausgemachter Autofan. Die Begeisterung für den Journalismus kam etwas später, ist mittlerweile aber genau so tief verwurzelt. Nach Jahren des freien Journalismus gründete der Jurist 1994 das Pressebüro press-inform und 1998 die Beratungsfirma press-inform consult.

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