EnBW: „Wir haben heute insgesamt keinen Mangel an Ladesäulen“

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Michael Neißendorfer
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Frank Mastiaux ist Chef des Stromkonzerns EnBW, einem der größten Betreiber von E-Auto-Ladeinfrastruktur in Deutschland. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach er über Kritik an der Ladeinfrastruktur, warum deutlich weniger Ladesäulen gebraucht werden als bislang angenommen und wie er die Herausforderung angehen will, ausreichend Lademöglichkeiten in Ballungszentren zu schaffen.

Fehlende Preistransparenz und ein Tarifdschungel beim Bezahlen, häufige Kritikpunkte an der Ladeinfrastruktur, findet Mastiaux zwar „ärgerlich“, allerdings sollte man „die Kirche im Dorf lassen“, sagt er: „Wir sind immer noch in einer sehr frühen Phase der E-Mobilität. Als Mitte der Neunzigerjahre die ersten Mobiltelefone aufkamen, gab es zunächst auch eine Vielzahl von Tarifmodellen“, erklärt er. Er findet die Kritik dennoch berechtigt, nennt die Schieflage aber eine „Kinderkrankheit“. Er geht davon aus, dass es auch bei der E-Mobilitätrelativ schnell für den Kunden verbesserte Preismodelle“ geben werde.

Auch die pauschale Kritik, dass es insgesamt zu wenige Ladesäulen gebe, will der EnBW-Chef nicht so stehen lassen.Wir haben heute insgesamt keinen Mangel an Ladesäulen“, sagt Mastiaux. Die frühere Faustregel, dass man je zehn Elektroautos eine Ladesäule braucht, sei angesichts der Fortschritte bei der Ladetechnologie überholt. „Heute haben wir sehr viel leistungsfähigere Hochgeschwindigkeits-Ladesäulen mit Gleichstromtechnik. Mit denen können Sie in fünf Minuten Strom für 100 Kilometer Fahrstrecke laden“. Im Schnitt also genüge nun „eine Ladesäule für 100 Autos, denn das Laden geht ungefähr zehnmal so schnell wie früher“, so der Manager. Und diese Größenordnung sei aktuell mit gut 85 E-Autos je Ladesäule bereits erreicht.

Es brauche deshalb „nicht unbedingt an jeder Ecke eine Stromtankstelle“, so Mastiaux weiter. Er gehe aktuell davon aus, dass 130.000 bis 150.000 Hochgeschwindigkeits-Ladepunkte für 15 Millionen E-Fahrzeuge reichen werden. Deutlich weniger als die eine Million Ladepunkte, welche die Bundesregierung anvisiert. Aber wichtiger als Schätzungen oder starre Ziele sei es, „wenn wir etwa alle zwölf Monate überprüfen, wie sich die Technik, die Zahl der E-Autos und die Ladenutzung weiterentwickeln“, um Pläne bei Bedarf anpassen zu können.

Generell jedoch müsse das Ausbautempo beschleunigt werden, um mit den rasant steigenden Neuanmeldungen bei den Fahrzeugen Schritt halten zu können – und das sei „durchaus anspruchsvoll“. Als positiv erwähnt er in diesem Zusammenhang den Plan der Bundesregierung für ein Deutschlandnetz, mit dem der Bau Tausender von Schnellladesäulen gefördert wird. Mastiaux sieht allerdings noch Defizite bei der Koordination der Standorte. Bisher werde dabei „nicht berücksichtigt, ob etwa EnBW an einem bestimmten Standort nicht ohnehin schon einen Ladepark plant und deshalb kein weiterer Standort des Deutschlandnetzes dort nötig ist“, so der EnBW-Chef.

Außerdem geht es ihm beim Deutschlandnetz-Programm nicht schnell genug nach vorne. „Es werden noch zwei bis drei Jahre vergehen, bis die Ladesäulen gebaut werden“, meint Mastiaux. Die Verantwortlichen sollten deshalb prüfen, „ob und wie das schneller gehen kann“. Dabei müsse man aber „im Blick behalten, dass nicht unnötigerweise zu viele Stromtankstellen gebaut werden, weil das die Amortisierung erschweren und am Ende den Markt bremsen würde“.

In Ballungszentren ist die richtige Mischung gefragt

Eine Herausforderung sei die Ladeinfrastruktur innerhalb von Ballungsräumen, wo Platz knapp ist. Umso wichtiger sei es, dass auch dort darauf geachtet werde, „vor allem Hochgeschwindigkeits-Ladesäulen zu bauen, weil die Autos dann den knappen öffentlichen Raum beim Laden nicht so lange okkupieren“, so der EnBW-Chef. „Außerdem müssen wir in Ballungsräumen zum Beispiel auch die Möglichkeit, das Auto am Arbeitsplatz zu laden, maximal ausnutzen.“ Die Mischung sei wichtig, sagt Mastiaux, und die schließe auch Lademöglichkeiten an Einkaufszentren und großen Einzelhändlern mit ein: „Wenn man 20 Minuten einkaufen geht, kann man mit einer schnellen Ladesäule in dieser Zeit für 200 bis 300 Kilometer nachladen“.

Ein großer Teil der Nutzer könne damit den Reichweitenbedarf für eine Woche und mehr abdecken. Der Einzelhandel zeige „großes Interesse, mit uns zusammen Ladestationen vor den Geschäften zu bauen“, erklärt Mastiaux in den Interview, da immer mehr Kunden dieses Serviceangebot mögen und schätzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung – „Wir brauchen nicht an jeder Ecke eine Stromtankstelle“

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Jens:

Es gibt Hersteller, welche die Ladeleistung begrenzen, wenn ausschließlich DC geladen wird, zum Beispiel Fiat. Porsche gibt das sogar auf der Website an.

Helmuth Meixner:

Haben wir nun einen Mangel an Ladesäulen oder nicht?
Haben wir nun einen Mangel an BEV-s mit AHG und ausreichend Zuglast oder nicht?
Ich möchte „Abenteuerurlaub“ in der Ukraine machen und dort helfen die uralten Anhänger zu benutzen. Welchen BE-Panzer würden Sie als EXPERTE empfehlen?. Der Anhänger stammt noch aus Zeiten der DDR ist aber noch gut erhalten. Hier die Daten; https://dewiki.de/Lexikon/122-mm-Haubitze_D-30_(2A18)#Technische_Daten.
Frage 2: Wie viele Mütter mit Kindern kann man aus den Schisslinien bringen und wie weit?
Frage 3: Haben Sie eine Navi, welches die Ladestationen dort anzeigt?

Dirk Männel:

Also mir wäre kein Hersteller bekannt, der die Garantie auf die Batterie auf eine gewisse Zahl von DC-Ladungen beschränkt. So hat man immerhin bei den meisten Herstellern 7 oder 8 Jahre Garantie. Zudem ist DC-Laden eher praxistauglicher. Hier im Main-Taunus-Kreis oder im Hochtaunuskreis scheinen die lokalen Politiker die Lage noch nicht erfasst zu haben. Die wenigen AC-Lader sind gerne mit bis zu 22 KW ausgelegt, obwohl 98% der Fahrzeuge AC nur mit 11 KW laden können. Man könnte also bei gleicher Netzlast die Anzahl der Säulen verdoppeln. In beiden Landkreisen gibt es zusammen ganze 3 DC-Säulen mit 130 KW und eine mit 50. Dazu kommt noch ein Tesla-Supercharger mit 16 Stalls und noch die Säulen bei den Discountern – für Kunden während der Ladenöffnungszeiten. Wenn da nicht bald ausgebaut wird, wird die Mobilitätswende wohl scheitern. Meine bisherigen Versuche, die Damen und Herren auf der politischen Ebene zu erreichen, waren erschreckend. Desinteresse und erschreckende Bekenntnisse. Z.B. wurde mir mitgeteilt, dass noch in 2022 die Grundlage für eine Planung geschaffen werden soll. Mit anderen Worten, weder dieses noch nächstes Jahr ist mit einer Verbesserung der Situation zu rechnen.

Matthias Geiger:

Die Diskussion erinnert mich an den Aufbau des Mobilfunknetzes in Deutschland. Da sind wir in Europa mit Albanien zusammen ja auch ganz vorne mit dabei ????!!!!! Ich hoffe dass wir uns mit der E-Ladestruktur nicht auch noch in Europa fremdschämen müssen. Neulich stand ich vor einem 1-2 Jahre alten Supermarkt mit ca. 200-300 Parkplätzen ohne eine einzige Ladesäule ???

Norbert Seebach:

Ein grundsätzliches Problem scheint mir darin zu bestehen, dass es einerseits heißt, dass permanentes Schnellladen den Akku schädigt, andererseits aber AC-Lader (die alternativ natürlich in viel größerer Anzahl und in der Wohnumgebung der Nutzer installiert werden müssten) für die Betreiber wirtschaftlich nicht attraktiv seien. Der negative Einfluss dauerhafter DC-Ladungen wird sowohl von den Herstellern wie offenbar auch von Ladenetzbetreibern gerne verschwiegen – das Risiko trägt in jedem Fall der Kunde! Hersteller sollten insbesondere dazu verpflichtet werden, hierzu klar Stellung zu nehmen und ihre Garantiezusagen bzgl. der Lebensdauer des Akkus kundenfreundlicher zu gestalten. Darüber hinaus sollten vor allem die Rechte von Mietern bzw. Menschen ohne eigenen Stellplatz und Wallbox gestärkt werden, eine zumutbare Lademöglichkeit in fußläufig erreichbarer Nähe zu bekommen. Die dafür benötigten Mittel hätte man schnell eingespart, wenn endlich die unsinnige Förderung von Plug-in-Hybriden eingestellt würde. Die E-Mobilität wird sich nicht in der Breite durchsetzen, wenn sie aufgrund hausgemachter Probleme auf eine „privilegierte“ Schicht (Hausbesitzer mit Garage, Carport, Wallbox, im Idealfall noch PV-Anlage auf dem Dach) beschränkt bleibt!

Thomas_aus_Marl:

Aus Sicht eines EnBW- Chefs mag die Behauptung, man brauche nicht an jeder Straßenecke eine „Stromtankstelle“ verständlich sein, denn der Aufwand für den Aufbau und die Wartung einer solchen Infrastruktur wäre ungleich höher.

Aus Sicht eines E- Autobesitzers sieht das aber vollkommen anders aus.

In der Betriebsanleitung von unserem Fahrzeug wird ausdrücklich dazu geraten, möglichst selten eine Schnellladestation zu nutzen!

Denn die hohen Ladeströme gehen auf Kosten der Haltbarkeit und verringern die Kapazität des Akkus schneller, als dies bei Langsamladung der Fall wäre.

adson:

Wie immer, hat man hier die Autobahnen und die Städte im Auge. In einigen Gebieten besteht, speziell in Nord-Süd-Richtung, keine nutzbare Autobahn für den Durchreiseverkehr. In diesen Bereichen sind die Bundesstraßen gut ausgebaut und stark frequentiert. Aber wie sollen hier die zunehmenden E-Autos laden? Zum Laden in eine Stadt fahren? Das bedeutet immer einen erheblichen Zeitverlust (oft mehr als die eigentliche Ladezeit) und ist meistens nicht praktikabel.
Aus meiner Sicht besteht daher hier an den Bundesstraßen, fern ab der BAB, erheblicher Handlungsbedarf für die Nachrüstung von DC-Ladern, damit auch dort der Durchreiseverkehr laden kann. Die vorhandenen AC-Ladesäulen sind zwar meistens frei aber aufgrund der sehr langen Ladezeit völlig ungeeignet.

Nick8888:

Für Laternenparker wird’s vermutlich auf eine ausschließliche Nutzung von HPC Schnellladern hinauslaufen mit anstehen zu Peakzeiten wie heute auch an Tankstellen üblich.
nur zu hoffen, dass die Akkus das aushalten

Jens:

Das mag im Süden stimmen, im Norden sind die EnBW-Lader an den Autobahnen leider eine Rarität.
Fahren sie nur einmal die 330 km von Göttingen nach Cuxhaven über A7 und A27. Es gibt auf der gesamten Strecke nur einen einzigen EnBW-HPC (Langwedel/Goldbach) und der ist noch auf der anderen Seite.

Jürgen Baumann:

Zum Beispiel einen IONIQ 5. Alles andere ist Beilage …

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