Ora Funky Cat: Siegertyp aus dem Reich der Mitte?

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Wolfgang Plank

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Wie haben nicht fast alle die E-Mobilität herbeigesehnt. Endlich Schluss mit der Verbrennung fossiler Kraftstoffe, endlich vernünftige Autos. Doch dann erweist sich die schöne neue Welt als einigermaßen verkehrt. Weil die Motoren stark und die Reichweiten hoch sein sollen, gibt es – trotz hoher Nachfrage – kaum kleine Modelle. Große, schwere Batterien fallen nun mal am wenigsten auf, wenn sie in großen, schweren Autos stecken. Und so hat der beständige Trend zum SUV längst auch die Stromer erfasst.

Wer da wie die junge, chinesische Elektromarke Ora mit einem Kompaktauto startet, hat allein für diesen Mut schon Lob verdient. Dass der 4,24 Meter lange „Funky Cat“ übersetzt „Verrückte Katze“ bedeutet, nimmt man da gerne in Kauf. Zumal das Tier im Reich der Mitte Glück verheißt. Selbst wenn es nicht winkt. Dabei ist ausgerechnet Glück bei chinesischen Autos gar nicht mehr nötig. Vorbei die Zeiten der 2000er-Jahre, in denen sich dreiste Nachbauten aus Fernost bei ADAC-Crashtests förmlich um die Barrieren wickelten. In diesen Chassis im Falle eines Unfalls zu überleben, glich damals tatsächlich einem Lotteriespiel.

ORA: Sicherheit und Qualität aus China

Mittlerweile haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Autos aus dem Reich der Mitte tragen fünf Sterne nicht mehr nur auf der Nationalflagge, sondern reihenweise in Zertifikaten renommierter Tests. In den fünf Fahrzeugklassen von EuroNCAP kamen 2022 keine Sieger mehr aus Europa – dafür aber gleich zwei aus China. Bei den Kompaktwagen war es mit souveräner Punktzahl der vollelektrische Ora Funky Cat.

Auch in Sachen Qualität lässt die verrückte Katze keine Zweifel aufkommen. Zumindest in der gehoben Version findet sich kaum Hartplastik, sondern Umschäumtes, Gewirktes und Gestepptes und im Blick des Fahrers verschmelzen zwei Displays zu einer Infotafel im Breitwandformat. Auch nach unsauberen Spaltmaßen sucht man vergebens, obwohl die Testfahrzeuge noch aus Vorserienproduktion stammen.

Auch auf modernes Infotainment legt Ora großen Wert. Ebenso wie auf ein aufgeräumtes Interieur. Gerade mal Tasten für Klima, Lüftung und Scheibenheizung finden sich mittig unter dem obligatorischen Warnblink-Knopf. Sie sind erfreulich massiv und könnten gut und gerne auch aus einem Hubschrauber Links unterhalb des Volants versteckt sich noch die Einstellung der Fahrmodi. Nachteil der Display-Fixierung: Für die Wahl der Rekuperation muss den Weg übers Menü nehmen. Da vermisst man traditionelle Paddles.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Wo es geht, setzt Ora indes auf Sprache. Die sicherste Art, mit einem Auto Kontakt aufzunehmen. Reden lenkt den Blick nicht ab, erfordert keine Gesten – und wer Alexa oder Siri von zuhause kennt, dem ist diese Art der Kommunikation durchaus geläufig. Per Zuruf öffnet Funky Cat Schiebedach, Kofferraum und Fenster, startet die Sitzheizung oder erzählt den Weg zur nächsten Cafeteria. Das funktioniert zu Beginn nicht immer reibungslos, allerdings lernt das System beständig mit. Und glaubt man dem Hersteller, hat die Stimme aus dem Off sogar Quizfragen für öde Stunden im Stau parat.

Wer die kleine Kamera an der A-Säule nicht scheut, erfährt weitere Annehmlichkeiten. Dank Gesichtserkennung stellt Funky Cat automatisch Sitz und Spiegel ein, startet Heizung, Massage und Ventilatoren – und wechselt auf den bevorzugten Radiosender. Die erforderlichen Daten werden laut Ora nach deutscher Rechtslage gespeichert. Wer da mit Blick auf China dennoch zweifelt – der Zugriff lässt sich einschränken oder ganz verweigern. Wer aber alle Vorzüge genießen will, muss auch von sich preisgeben.

Fahren kann Funky Cat selbstverständlich auch. Und sogar flott. Gute acht Sekunden dauert es bis Tempo 100, rauf geht’s bis 160 – und dank bissiger Bremsen auch zügig wieder runter. Das Fahrwerk des 126 kW (171 PS) starken Fronttrieblers findet auch in schnellen Kurven einen guten Kompromiss zwischen sportlich straff und angenehm komfortabel. Immerhin sind mehr als 1,6 Tonnen einzuhegen. Ebenfalls überzeugend arbeitet die gut austarierte Lenkung, doch bevor die 18-Zöller allzu sehr radieren, bremst eher die nur knapp konturierte Sitzfläche allzu flotte Bewegungen um die Hochachse. Im Grenzbereich wartet dann gut kontrollierbares Untersteuern. Masse schiebt halt.

Kompakter Stromer mit alltagstauglicher Reichweite

Allerdings liegt die Kernkompetenz eines E-Autos auch eher im Radius möglicher Entfernung. Rund 310 Kilometer weit (WLTP) rollt es sich mit dem normalen 48-kWh-Akku, die 63-kWh-Batterie schafft 110 Kilometer mehr. Bei aktuellen Mallorca-Temperaturen ist das nicht völlig unrealistisch hier zu Lande dürfte das aktuell schwieriger werden. So oder so ist irgendwann der Saft alle. Am Gleichstrom-Lader dauert es von 15 auf 80 Prozent eine Fußball-Halbzeit, was daran liegt, dass das Limit bei 65 kW liegt. Für die volle Ladung an der 11-kW-Wallbox vergehen je nach verbautem Speicher zwischen fünfeinhalb und sechseinhalb Stunden.

Platz für Passagiere hat’s dank 2,65 Meter Radstand auskömmlich. Selbst hinten geht es geräumig zu – zumindest, wenn man sein Haupt nicht höher als einsachtzig trägt. Für Fracht bleiben indes gerade mal 228 Liter, mit umgeklappten Lehnen sind es 858. Trösten kann man sich mit einer einstellbaren Licht-Animation der Scheinwerfer – und das Einparken wird auf Wunsch ebenfalls erledigt.

Das alles hat seinen Preis. Exakt 38.990 Euro muss man für die Basisversion anlegen – für die Top-Version GT um die 10.000 Euro mehr. Dafür gibt’s allerdings auch jede Menge Auto inklusive fünf Jahre Garantie ohne Begrenzung und acht Jahre (bis maximal 160.000 Kilometer) für den Akku. Dennoch: Die Zeiten von China und billig sind einfach vorbei.

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Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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