Cariad-CEO zieht Bilanz: Sind kein Problemfall mehr

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Cariad | Cariad-CEO Peter Bosch

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Als Peter Bosch vor knapp zwei Jahren von Bentley zur VW-Softwaretochter Cariad wechselte, steckte das Unternehmen tief in der Krise. Verzögerte Softwarelieferungen führten zu massiven Modellverschiebungen bei Marken wie Audi, Porsche und VW, intern galt Cariad längst als Problemfall. Bosch übernahm dennoch – und wurde beim Besuch der Auto Shanghai unmittelbar vor Amtsantritt mit der Innovationskraft der chinesischen Autobranche konfrontiert. „Der Messebesuch damals war ein wichtiger Startschuss“, erklärt Bosch im Gespräch mit der Automobilwoche. Er habe den internen Willen gestärkt, den Erfolg in China selbst in die Hand zu nehmen. Zwei Jahre später zieht Bosch nun öffentlich Bilanz: Cariad hat geliefert, wie er mehrfach betont – „und ich bin ehrlich gesagt auch erleichtert.“

Der Weg dorthin war nicht leicht. Zwar habe es intern frühzeitig Erkenntnisse über Versäumnisse gegeben, doch in komplexen Konzernstrukturen sei es schwer, daraus die richtigen Maßnahmen abzuleiten. Bosch setzt heute auf eine offenere Fehlerkultur und ein stärkeres Miteinander mit den Marken. „Der Schlüssel zum Erfolg ist die gemeinsame Arbeit – das wurde früher vielleicht nicht ausreichend berücksichtigt.“ Die Leistung kann sich aus seiner Sicht sehen lassen: 2024 kamen 14 Modelle mit Cariad-Software auf den Markt, im vergangenen April belegten neun von zehn der meistverkauften E-Autos in Deutschland Plätze mit Cariad-Code an Bord. „Das ist ein großer Transformationserfolg der Teams aus Cariad und Marken.“

Zentraler Baustein der Neuausrichtung war die Abkehr vom bisherigen Lieferantenmodell. Statt auf teure externe Systemlieferanten zu setzen, wurde Know-how ins Unternehmen geholt. Viele Komponenten, darunter auch Softwareupdates, entstehen nun inhouse. „Unsere Mitarbeiter kennen, schreiben, verstehen und ändern den Code – auch über Over-the-Air-Updates ohne Schleifen und Zusatzkosten.“ Ziel sei das Software-Defined Vehicle, bei dem die Software das technische Rückgrat des Autos bildet – eine Entwicklung, die Bosch als notwendige Konsequenz aus der wachsenden digitalen Komplexität beschreibt. „Wir wollen Funktionen schneller ins Auto bringen – auch solche, die wir beim Start der Entwicklung noch gar nicht kennen.“

Auch im internationalen Kontext hat Cariad umgedacht. Bosch verweist auf neue Partnerschaften mit Unternehmen wie Xpeng, Horizon Robotics und Rivian, betont aber, dass diese Kooperationen keine Einbahnstraße seien. „Bei Xpeng hat man unsere Caridians ausführlich geschult, und jetzt schreiben wir den Code selbst.“ In China beschäftigt Cariad inzwischen 500 Entwickler:innen, die eng mit dem dortigen Entwicklungszentrum VCTC zusammenarbeiten. Der globale Einheitsansatz, das sogenannte „Weltauto“, sei aus seiner Sicht überholt: „Der ‚One size fits all‘-Ansatz funktioniert nicht mehr.“ In Märkten wie China brauche es lokale Entwicklung, lokale Produktion – und eben auch lokale Software. Das Ergebnis seien schnellere Prozesse, geringere Kosten und höhere Akzeptanz. Selbst das Fahrverhalten des ADAS-Stacks sei lokal angepasst. „Das System fährt relativ nah auf, ist eng an anderen Fahrzeugen dran, schert knapp ein, bleibt aber dennoch auf der sicheren Seite.“

Intern wurde Cariad ebenfalls umgebaut. Die klassische Abteilungsstruktur wich agilen Produkteinheiten, sogenannten Delivery-Units. Bosch setzt auf Talente von Tech-Unis weltweit und betont den Brückenschlag zwischen klassischer Autoindustrie und digitaler Plattformlogik. Denn auch Software entwickelt man bei Volkswagen künftig wie ein Plattformprodukt. Grundfunktionen würden markenübergreifend genutzt und mit spezifischen Merkmalen ikonischer Modelle wie dem Porsche Macan oder Audi A6 kombiniert. „Der Wunsch nach geringen Kosten und maximaler Individualität ist stark. Deswegen machen auch alle Marken bei diesem Ansatz mit.“ Die Verantwortungsteilung im Konzern wurde ebenfalls neu geordnet. Cariad kümmert sich heute um Querschnittstechnologien wie ADAS, Cloud-Dienste und zentrale Softwarearchitekturen, während mechanische E/E-Architekturen wieder bei den Marken selbst liegen.

Dass parallel auch Personal abgebaut werden soll, sieht Bosch als Teil der Transformation. „Wenn sich das Geschäftsmodell wandelt – hin zu mehr Eigenentwicklung –, verändern sich auch Aufgaben.“ Bestimmte klassische Rollen würden entfallen, dafür brauche es künftig mehr Coder. Ziel sei eine sozial verträgliche Neuausrichtung mit hoher Eigenentwicklungsquote. Gleichzeitig stellt Bosch klar: Cariad bleibe eine Konzerntochter mit Fokus auf interne Kunden. „Unser Maßstab ist das große Ganze: der Beitrag zur Softwarekompetenz und Innovationsfähigkeit des Volkswagen-Konzerns.“ Zwar habe Cariad finanzielle Ziele und diese zuletzt auch erreicht, doch die Profitabilität sei immer Teil des größeren Konzernerfolgs. Die Rechtsform als eigenständige GmbH verschaffe der Einheit Freiraum: „Wir können wie ein Tech-Unternehmen agieren, aber zugleich von der Kraft des Volkswagen-Konzerns profitieren.“

Quelle: Automobilwoche – Interview mit Cariad-Chef Peter Bosch: „Wir müssen den Code beherrschen“

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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