Autohersteller entdecken die Art Miami: Ein völlig anderes Leben

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Stefan Grundhoff
Stefan Grundhoff
  —  Lesedauer 5 min

Automessen in Europa oder den USA sind so tot, dass sich weder Hersteller noch Besucher noch für sie interessieren. Seit Jahren sucht die angeschlagene Autobranche nach Ausweichplattformen, um sich neu in Szene zu setzen. Neuestes Beispiel, das funktioniert: die Art Miami als Ableger der renommierten Kunstmesse Art Basel.

Noch vor ein paar Tagen wurden in dem kleinen Eckgeschäft an der Collins Avenue bunte T-Shirts mit Strandaufdruck angeboten und für Ausflüge mit dem Katamaran geworben. Jetzt sichern zwei muskulöse Türsteher das mit Absperrband vom Bordstein separierte Areal, auf dem sich strahlende Skulpturen aalen. Im Innern des nächsten Pop-Up-Stores ein paar Meter weiter auf der Lincoln Avenue trifft sich die Kunstszene ebenfalls. Man diskutiert über moderne Bilder, ausladende Formen, abgefahrene Farben und ganz nebenbei das gute Wetter in South Beach.

Anfang Dezember kommt die internationale Kunstszene alljährlich nach Miami zur Art Week; ein Ableger der Art Basel – und die Autoszene ist nicht nur durch die abendlichen Poser rund um den zumeist gesperrten Ocean Drive dabei. Vor den Kurzzeit-Galerien parken BMW i7, Infiniti QX80, Lexus RX und ein paar Audi E-tron, die die Kunst- und Partypeople vom einen Veranstaltungsort zum nächsten Event fahren. Die Stimmung ist gelöst, die Kalender voller denn je.

Art Miami und sich in Szene setzende Autohersteller – das gehört seit ein paar Jahren immer besser zusammen. Auf dem Gehweg vor dem Steakhouse parkt zu später Stunde ein Cybertruck, während im allabendlichen Stau eine ganze Kolonne von glänzenden BMW-Modellen neuester Bauart im Stau steht. BMW ist einer der Hauptsponsoren der Art Miami und kann sich hier weitaus werbewirksamer in Szene setzen als auf der heimischen IAA, die in der Isarmetropole wie ein automobiler Dinosaurier mit bunten Events in der Stadt und einem dahinsiechenden Messeprogramm draußen an der Autobahn in Riem ihr Dasein fristet.

Der Autosalon in Paris ist so tot wie er nur sein kann, der einst so strahlende Genfer Salon als kleiner, aber feiner Auftakt der europäischen Autosalon oder die Motorshows in Birmingham, London, Brüssel, Turin oder Leipzig – alles eingestellt oder mit dem Stellenwert eines besseren Stadtteilfestes. In den USA sieht es nicht anders aus, denn auch die North American International Autoshow in Detroit, die Los Angeles Motorshow im November oder die Messen in New York oder Chicago in Winter und Frühjahr – alles längst in der automobilen Hoffnungslosigkeit verschwunden. Bedeutung haben die Automessen wenn überhaupt allenfalls noch in China, weil in den Millionenmetropolen von Guangzhou, Peking oder Shanghai die immense automobile Wirtschaftskraft auf den größten Automarkt der Welt trifft. Doch auch hier geht die Bedeutung der Leistungsschauen spürbar zurück.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sucht die Autoindustrie mit oftmals überschaubarem Erfolg Ausweichplattformen für die einst so strahlenden Autoshows. Die einen setzen auf die Consumer Electronic Show in Las Vegas Anfang des Jahres, um sich als rollende Tech-Firma zu präsentieren, andere bespielen mit Millionenaufwand die Monterey Car Week als wichtigsten Autoevent des Jahres Mitte August an der kalifornischen Küste oder die Liga darunter mit dem Festival of Speed im britischen Goodwood oder dem Concorso d`Eleganza am Comer See.

Die Suche nach neuen Formaten brachte die Autoindustrie in den vergangenen Jahren zunehmend nach Miami zum Ableger der Art Basel. Hier scheint auch im Dezember die Sonne, es gibt exzellente Hotels, schöne Menschen und wer setzt sich da nicht gerne unter der Strahlkraft der finanzstarken Kunstszene ins rechte Scheinwerferlicht? Jaguar Land Rover ging in diesem Jahr noch zwei Schritte weiter und rief auf der Art Miami den Neustart der in Vergessenheit geratenen Marke aus. Chefdesigner Gerry McGovern enthüllte im kunterbunten Art District mit dem Type 00 eine Fahrzeugstudie, die einen seriennahen Ausblick auf den natürlich elektrischen Jaguar der Zukunft geben soll: „Der Type 00 ist der Ausdruck der neuen kreativen Philosophie von Jaguar in Reinform. Er ist unsere erste greifbare Umsetzung und der Grundstein für eine neue Familie von Jaguar Modellen, die anders aussehen wird als alles, was Sie bisher gesehen haben. Der Type 00 ist eine Vision, die nach dem Höchstmaß an künstlerischer Leistung strebt.“

Jaguar Art Miami
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Markenneustart und Fahrzeug brachten zusammen mit einer Imagekampagne vor der Art Miami ein gewaltiges Aufsehen. Logo, Markenschriftzug und Autodesign – die Briten warfen alles über den Haufen und wollen einen echten Neustart. Wo könnte man den besser präsentieren als auf dem sonnigen Ableger der Art Basel in Miami. Und damit nicht genug, denn weil das Publikum perfekt zum Klientel passt, wurde mit dem SV Candeo gleich noch die edelste Version eines Range Rover nachgelegt. Höhepunkte für Automobilenthusiasten ist eine von Hand aufgetragene Zweifarb-Lackierung mit Anlehnung an die Skyline von Miami und ein Rücksitzkissen sowie Dachhimmel mit mehr 90.000 Stichen verziert. Im Gegensatz zur Konzeptstudie des Jaguar Type 00 sogar käuflich zu erwerben.

Wer braucht da noch eine Automesse?

Auch Lamborghini zieht es seit Jahren nur allzu gerne zu Beginn des Winters nach an die floridianische Atlantikküste. Unweit von Kunstinstallationen am Strand wie den 100 lebensgroßen Elefanten werden kunstvoll in Szene gesetzte Einzelstücke wie diesmal der Urus SE präsentiert. Wer braucht da noch eine Automesse?

Wir freuen uns immer wieder, echte Innovation und Kunstfertigkeit nach Miami zu bringen. Das ist insbesondere jetzt relevant, wo die Stadt voller inspirierender Kreativer, Designer und Künstler ist“, hob Lamborghini-CEO Stephan Winkelmann hervor. „Die Nachfrage nach Lamborghini-Fahrzeugen ist so hoch wie noch nie. Darum bin ich auf diesen speziellen Urus SE, der die unendlichen Personalisierungsmöglichkeiten unseres Ad-Personam-Programms unterstreicht, ganz besonders stolz.“

BMW festigt auf der Art Miami die Zusammenarbeit mit Kith, dem Modelabel des New Yorker Designers Ronnie Fieg. Im kommenden Jahr bringt BMW eine besonders exklusive Kith-Sonderedition des Power-SUV XM zu insgesamt 47 Kunden. Noch spektakulärer, aber nicht käuflich zu erwerben: das Unikat des 1981er BMW M1 von Ronnie Fieg im gleichen Farbton mit besonders edlem Interieur.

Lexus Art Miami
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Lexus stellt auf der Art Miami „Liminal Cycles“ vor, eine Kunstinstallation, die in Zusammenarbeit mit dem Forschungs- und Designstudio Crafting Plastics aus Bratislava entstanden ist. Die Installation beschäftigt sich in Anlehnung an die Konzeptstudie Lexus LF-ZC mit Themen wie Materialinnovation und Personalisierung. „Diese Installation bietet die seltene Gelegenheit, ein ehrgeiziges kreatives Projekt zu erkunden, das die umfangreichen Möglichkeiten von Biomaterialien mit minimalen Kompromissen demonstriert“, sagt Vlasta Kubušová, Mitbegründerin von Crafting Plastics.

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Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff

Stefan Grundhoff ist Firmeninhaber und Geschäftsführer von press-inform und press-inform consult. Er ist seit frühester Kindheit ausgemachter Autofan. Die Begeisterung für den Journalismus kam etwas später, ist mittlerweile aber genau so tief verwurzelt. Nach Jahren des freien Journalismus gründete der Jurist 1994 das Pressebüro press-inform und 1998 die Beratungsfirma press-inform consult.

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Ediwi:

„Auf dem Gehweg vor dem Steakhouse parkt zu später Stunde ein Cybertruck…“ Weg damit! Der hat dort nichts zu suchen.
Soll nun die Frau das Motiv sein, oder der lange (überflüssige) Schwanz vorn an diesem etwas wunderlich anzusehenden Gebilde?

heinr:

Sicher ist nur eins, billiger werden die Fahrzeuge dadurch nicht. Aber der Glaube an die Wirksamkeit stirbt wohl zuletzt.

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