Wie Porsche in Leipzig den Elektro-Macan produziert

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Im Porsche-Werk Leipzig werden aktuell zwei Baureihen mit drei Antriebskonzepten montiert. Um dort den vollelektrischen Macan in die Fertigung zu integrieren, musste das Herzstück der Produktion, die Hochzeit, komplett neu erfunden werden, so Porsche in seinem Magazin Christophorus.

Es rauscht, es brummt und es klopft: Das ist die Begleitmusik der Hochzeit bei der Automobilproduktion im Porsche Werk Leipzig, ganz anders, wie man es sonst von Hochzeiten gewohnt ist. An einem Gehänge senkt sich langsam die in Oakgreenmetallic lackierte Karosserie eines Porsche Macan herab. Ihre bessere Hälfte, das Fahrwerk mit dem vollelektrischen Antriebsstrang, wurde vor wenigen Sekunden von einem fahrerlosen Transportsystem als Brautvater angeliefert. Wie in Zeitlupe werden die beiden Komponenten vollautomatisch zusammengefügt und anschließend verschraubt, bevor später das Interieur verbaut wird.

Das ist die Hochzeit. Überall, wo Autos gefertigt werden, bildet sie das Herzstück der Produktion. So weit, so üblich. Doch eine Hochzeit im Porsche Werk Leipzig ist besonders komplex, vielseitig und effizient, wie der Hersteller mitteilt. Auf nur einer Produktionslinie werden bunt gemischt drei verschiedene Antriebskonzepte gefertigt: Benziner, Hybrid- und Elektroautos. So entstehen aktuell pro Tag rund 600 Macan und Panamera für Kunden aus aller Welt. 3,6 Kilometer legt ein Fahrzeug in der gesamten Linie zurück und wird dabei in 4000 Arbeitsschritten aus 5000 Teilen der Vor- und Endmontage nach und nach aufgebaut.

Zeremonienmeister der Hochzeiten ist Sebastian Böttcher. Der Diplom-Ingenieur trägt den Titel Planer Betriebsmittel und hat die Anlage gemeinsam mit einem Dutzend weiterer Porsche-Kollegen konzipiert. 2018 wurden die Weichen dafür gestellt, sie von Grund auf zu überarbeiten. Damals entschied der Vorstand, in ein paar Jahren den vollelektrischen Macan auf die Straßen zu schicken.

Gebaut werden sollte er in Leipzig, und zwar auf der bestehenden Produktionslinie, die bis dato Autos mit Verbrennungsmotor oder Hybridantrieb vorbehalten war. Eine weitere Linie wäre unter den bestehenden Rahmenbedingungen nicht zu realisieren gewesen. „Uns war schnell klar, dass wir die existierende Hochzeit und viele andere Abläufe im Werk völlig neu aufsetzen müssen“, erinnert sich Böttcher. „Eine zusätzliche Antriebstechnologie ist wie eine eigene kleine Welt, mit neuen Anforderungen, speziellen Verfahren und Werkzeugen. Wir mussten viel dazulernen.“

Ein besonders komplexes Problem: Während bei der Hochzeit eines Verbrenners oder Hybridautos der Unterboden der Karosserie und das Fahrwerk an 20 Stellen miteinander verschraubt werden, sind es bei einem vollelektrischen Modell 50. Eine Veränderung, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt. Aber die große Herausforderung bestand darin, diese zusätzlichen Arbeitsschritte auf ein und derselben Montagelinie zu bewältigen.

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Hat die Hochzeit im Porsche-Werk Leipzig neu erfunden: Sebastian Böttcher / Bild: Porsche

Um diese Aufgabe zu lösen, musste das Team um Sebastian Böttcher die Hochzeit neu erfinden. Aus früher vier Montagestationen, die sich über eine Länge von 24 Metern erstreckten, wurden neun Stationen auf 60 Metern. Sechs zusätzliche Roboter und 18 Automatik-Schraubstationen wurden integriert. Auch sonst ließ sich Porsche, unterstützt von externen Partnern, gezielt Neues einfallen. Ein automatisiertes Schraubenbestückungssystem zum Beispiel, das – je nach Baureihe und Ausstattung – in hoher Geschwindigkeit allen Schraubengrößen und -formen, Drehmomenten und -winkeln gerecht werden kann. Zudem eine Messvorrichtung, auf die inzwischen ein Patent angemeldet ist. Sie durchfährt regelmäßig die Montage, um die Schraubspindeln zu überprüfen, und zwar im laufenden Betrieb der Produktion. So entstehen praktisch keine Leerzeiten und Verzögerungen, betont Porsche.

Außerdem wurde ein spezielles Kamerasystem installiert: Es sucht die Oberfläche der Hochvoltbatterie der E-Autos selbstständig auf Fremdkörper ab. Das können zum Beispiel versehentlich verlegte Unterlegscheiben oder Schraubenmuttern sein. „Unterm Strich ist eine sehr leistungsfähige Anlage entstanden, die sich nahtlos in alle Abläufe des Werkes einfügt“, fasst Sebastian Böttcher zusammen. „Natürlich gibt es auch laufend etwas zu optimieren, aber: Das ist für uns bei Porsche selbstverständlich.“

Wie Perlen an einer Kette

Wie wichtig bei der Neuplanung der Hochzeit der Blick für das Ganze war, wird klar, wenn man mit Kollegen von Sebastian Böttcher aus anderen Abteilungen spricht. „Für alles, was wir hier tun, spielt das Perlenkettenprinzip eine zentrale Rolle“, sagt Denny Schubert aus dem Bereich Fahrzeugsteuerung. Damit ist bei Porsche ein Konzept gemeint, das eine effektive Mitarbeiterauslastung sicherstellen und die Lagerhaltung minimieren soll und bei dem die Teile perfekt vorsortiert und zur richtigen Zeit in die Montage gelangen sollen.

Wir streben eine präzise gesteuerte Reihenfolge der Fahrzeuge an, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht“, betont Schubert. Das Porsche Werk Leipzig plant dabei in der Regel zehn Tage im Voraus. So können Lieferanten ihre Produktion exakt auf die Bedürfnisse der Montage abstimmen und alle Teile genau zum richtigen Zeitpunkt liefern. Das ist die Grundvoraussetzung für eine reibungslose Produktion, denn keines der hier gefertigten Autos gleicht dem anderen. Theoretisch sind schier unendlich viele Kombinationen aus Modellen, Antriebstechnologien, Lackierungen und Ausstattungsdetails möglich.

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Porsche

Drei Antriebsarten auf einer Linie zu fertigen, ist für alle im Werk anspruchsvoll. Unsere Arbeit ist hochkomplex“, ergänzt Martin Reinbacher aus dem Industrial Engineering. So mussten zum Beispiel für den vollelektrischen Macan zusätzliche Montagekonzepte erlernt und die Ergonomie einiger Arbeitsstationen angepasst werden. „Alles hängt miteinander zusammen“, erklärt Reinbacher.

Wir müssen sehr vernetzt und abteilungsübergreifend planen, um effiziente Lösungen finden. Aber wir sehen auch jeden Tag, dass sich das lohnt.“ Das Perlenkettenprinzip sei dabei wie ein Kompass: Es sorge dafür, dass jeder Schritt im Fertigungsprozess auf den nächsten abgestimmt ist. So verlaufe die Produktion trotz komplexerer Abläufe präzise und möglichst reibungslos.

Quelle: Porsche – Wie produziert man drei Antriebsarten auf einer Montagelinie?

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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