Erste Opfer des chinesischen E-Auto-Wettbewerbs?

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Elektroauto-News.net

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Die chinesische Elektroautomarke Aiways, die bereits in Deutschland Fuß gefasst hat, soll vor ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten stehen. Berichten zufolge kann das Unternehmen die Löhne seiner Mitarbeiter und die Miete für sein Büro in Shanghai nicht mehr bezahlen. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass nicht alle Elektroautohersteller dem intensiven Wettbewerb in China standhalten können. Doch die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen.

Aiways, ein chinesisches Start-up, war eines der ersten, das den Sprung auf den europäischen Markt wagte. Noch bevor es in China eine nennenswerte Serienproduktion aufbauen konnte, startete es in Europa. Im Jahr 2020 machte Aiways Schlagzeilen, als es als eines der ersten chinesischen Elektroauto-Start-ups eine größere Ladung E-Autos nach Europa verschiffen konnte – 500 Stück nach Frankreich. In kurzer Folge investierte Aiways dann in den Markteintritt in Deutschland, Belgien, Dänemark, den Niederlanden und in einem Dutzend weiterer Länder. In Deutschland brachte es das Unternehmen nur auf eher spärliche Verkaufszahlen – laut aktueller KBA-Zahlen sind es 24 neu zugelassene Fahrzeuge von Januar bis Mai 2023.

„Aiways-Beschäftigte erklärten, dass sie nach einer verspäteten März-Zahlung keine April-Gehälter erhalten hätten. Das Unternehmen forderte die Mitarbeiter auf, die Sozialversicherungsbeiträge im Mai selbst zu zahlen. Aiways hat nach Angaben einer Unternehmensquelle rund 1500 Beschäftigte. Das Unternehmen hat seit Februar die Fahrzeugproduktion in seinem Werk in Shangrao in der Provinz Jiangxi eingestellt.“ – Caixin

Trotz dieser ambitionierten Expansion scheint Aiways nun in finanzielle Schwierigkeiten geraten zu sein. Laut chinesischen Medienberichten musste das Unternehmen seine Produktion in Shangrao, Provinz Jiangxi, bereits im Februar dieses Jahres einstellen, da weder Zulieferer noch Mitarbeiter weiter bezahlt werden konnten. Mehrere Händler haben das Unternehmen bereits verklagt, so chinesische Medien.

Chen Xuanlin, Hauptinvestor bei Aiways und Vorstandsvorsitzender bei Guangdong Microholdings, hatte Anfang des vergangenen Jahres noch einmal mehrere hundert Millionen US-Dollar in Aiways investiert, um seine bisherigen Investitionen trotz der schlechten Verkaufszahlen zu retten. Doch offenbar ist ihm für solche Rettungsaktionen inzwischen entweder das Geld ausgegangen oder die Lust vergangen, wie chinesische Medien berichten.

Insolvenz-Ängste bei Aiways gebe es nicht

Nach Recherche von Elektroauto-News.net konnten wir erfahren, dass es mitnichten so vernichtend um Aiways stehen soll, wie chinesische Medien und die Automobil-Industrie berichten. „Richtig ist, dass es einen Investorenwechsel geben wird, der sich – zugegebenermaßen – etwas zieht. Daher steht auch die Produktion aktuell. Wir gehen aber davon aus, dass sich das innerhalb der nächsten Wochen entscheidet und dann alsbald wieder produziert wird“, so eine Quelle aus dem Umfeld von Aiways. Ferner wird richtiggestellt, dass „Aiways Europe davon nicht betroffen ist, wir warten nur ebenfalls auf Autos“.

Des Weiteren sei es so, dass die Miete für das Büro gezahlt wurde. „Wir haben uns innerhalb Shanghai verkleinert und einige Funktionen in den verschiedensten Standorten zusammengelegt, daher sind im Headquarter nun auch andere Mieter eingezogen, wir belegen aber schon noch genügend Fläche“, so die Quelle zu EAN weiter.

Die harte Realität des chinesischen E-Auto-Marktes

Und dennoch ist die Situation von Aiways ist ein Spiegelbild der Herausforderungen, denen sich viele chinesische E-Auto-Hersteller gegenübersehen. Der Wettbewerb auf dem chinesischen Markt ist intensiv, und viele Unternehmen kämpfen darum, sich zu behaupten. Während einige Hersteller wie BYD an der Spitze stehen und beeindruckende Verkaufszahlen vorweisen können, haben andere wie Aiways, Enovate Motors und WM Motor Schwierigkeiten, ihre Fahrzeuge an den Mann zu bringen. Während Aiways in den ersten drei Monaten dieses Jahres immerhin 530 E-Autos verkaufen konnte, waren es bei Enovate nur 240 und bei WM kein einziges. Zu wenig, um dauerhaft zu Überleben.

Die Situation wurde durch den von Tesla eingeleiteten Preiskrieg zu Beginn des Jahres noch verschärft. Dieser zwang mindestens 40 chinesische Hersteller, ihre Preise zu senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dieser Preiskampf hat die Margen weiter schrumpfen lassen und die finanzielle Belastung für viele Unternehmen erhöht. Bemerkenswert ist, dass unter den bekannten E-Auto-Herstellern in China nur ein einziger profitabel ist: Li Auto. Alle anderen, einschließlich Aiways, Nio und Xpeng, sind weiterhin stark von Investorengeldern abhängig. Obwohl einige dieser Start-ups inzwischen nennenswerte Verkaufszahlen vorweisen können, die die Verluste der Investoren zumindest mildern, bleibt die finanzielle Situation für viele von ihnen prekär.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt und welche Auswirkungen dies auf die globale E-Auto-Landschaft haben wird. Und inwiefern Aiways nach dem Investoren-Wechsel an Tempo gewinnen kann. Wir werden die Entwicklungen beobachten.

Quelle: Automobil-Industrie – Erste Pleitewelle unter Chinas E-Auto-Start-ups (Paywall) // Caixin – Update: EV Startup Aiways Looks Overseas as Domestic Business Grinds to a Halt, Sources Say (Paywall)

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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