Microlino vor Weggabelung: Europa oder China?

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Microlino | Micro Mobility

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Die Zukunft des Microlino, eines kompakten Elektrofahrzeugs aus Schweizer Entwicklung, rückt zunehmend in den Mittelpunkt einer breiteren Debatte über die Ausrichtung der europäischen Mobilitätspolitik. Die Gründerfamilie Ouboter, die bereits mit ihren Kickboards einen internationalen Trend ausgelöst hat, sieht ihr aktuelles Projekt in einer schwierigen Lage. Nach eigenen Angaben flossen rund 70 Millionen Franken (ca. 76 Millionen Euro) in Entwicklung und Produktion, knapp 4800 der E-Fahrzeuge wurden in Turin gebaut. Trotz dieser Basis fehlt der Durchbruch am Markt. Die Familie führt das nicht auf mangelndes Interesse zurück, sondern auf regulatorische Rahmenbedingungen, die aus ihrer Sicht verhindern, dass kleine Elektroautos ihr Potenzial entfalten können.

Der Microlino positioniert sich bewusst zwischen Roller und Auto, richtet sich an urbane Nutzer:innen und verbraucht deutlich weniger Energie als klassische Pkw. Dieses Konzept passt zu vielen verkehrspolitischen Zielen europäischer Städte. Die Realität jedoch wirkt widersprüchlich. Die EU behandelt die L7e-Kategorie, zu der der Microlino gehört, weitgehend wie ein Randsegment. Sie bekommt weder Subventionen noch CO₂-Gutschriften.

Merlin Ouboter, Geschäftsführer und CMO der Marke, beschreibt dies als strukturelles Hindernis: „Wir sehen in der ganzen EU eine klare Ungleichbehandlung, weil der CO₂-Flottenemissionshandel überall gleich gehandhabt wird. Unsere L7e-Kategorie wird davon weitgehend ausgeschlossen.“ Für junge Hersteller sei das ein Wettbewerbsnachteil, der kaum auszugleichen sei.

Besonders deutlich zeigt sich die Problematik in der Schweiz, wo der Microlino bei der Zulassung als Kleinmotorrad gilt, beim Import jedoch als Personenwagen eingestuft wird. Die unterschiedlichen Regeln erhöhen die Kosten und erschweren eine klare Positionierung. Der politische Rückhalt bleibt aus Sicht der Familie gering. „Während man die Kostenseite zu einem großen Teil selber beeinflussen kann, hat man gerade im Bereich der Bürokratie und Förderung praktisch keine Einflussnahme als kleiner Hersteller“, so Merlin Ouboter. Man engagiere sich seit Beginn für faire Bedingungen, doch habe sich „praktisch nichts verändert“.

Ein kleines E-Fahrzeug zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Diese Herausforderungen treffen Microlino zu einem Zeitpunkt, an dem Europa verstärkt über klimafreundliche Mobilität spricht, gleichzeitig aber kaum Instrumente entwickelt, um leichte E-Fahrzeuge zu fördern. Zwar sieht die EU Programme für kleinere Modelle vor, doch bleibt laut Microlino unklar, ob Fahrzeuge der L7e-Kategorie einbezogen werden. Die Gründer wirken zunehmend skeptisch, ob Europa bereit ist, solche Konzepte in seine Mobilitätsstrategie einzubinden.

Während die Hürden in Europa bestehen bleiben, sorgt Interesse aus China für neue Optionen. Das Land verfügt über eine entwickelte Lieferkette, Produktionskapazitäten und gezielte Fördermechanismen. „China hat im Bereich der Elektromobilität momentan die beste Supply Chain, hat Produktionskapazitäten, die gefüllt werden müssen und steht in puncto Qualität auf dem gleichen Level wie Europa“, so der CMO der Marke. Gespräche mit möglichen Investoren und Herstellern laufen bereits. Eine Verlagerung könnte die Produktionskosten etwa halbieren.

Die Frage, ob der Microlino bei einer möglichen Fertigung in China seine Identität verlieren könnte, weist Merlin Ouboter zurück. „Wer unsere Produkte kennt, weiß, dass wir keine Stangenware produzieren, sondern Produkte, die einzigartig sind und begeistern.“ Änderungen am Design einer möglichen China-Version seien zwar denkbar, doch wolle man sich „noch nicht in die Karten schauen lassen“.

Der Blick der Gründer geht jedoch über wirtschaftliche Überlegungen hinaus. Der Microlino soll aus ihrer Sicht eine Alternative zu großen SUV darstellen, die Städte entlastet und Ressourcen schont. Ohne politische Unterstützung, so ihre Einschätzung, bleibe dieses Konzept jedoch schwer umsetzbar. Wim Ouboter, Gründer der Marke Microlino, appelliert an die Politik, Impulse zu setzen. „Wenn Europa nicht handelt, wird die Produktion künftig nicht mehr hier stattfinden“, sagt er. Eine Abgabe auf SUV nach norwegischem Vorbild könnte Einnahmen erzeugen, die kleinen Herstellern zugutekommen. „Ohne Anreize bleibt alles beim Alten.“

Quelle: Austausch mit Merlin Ouboter / Aargauer Zeitung – Dem „Schweizer Tesla“ droht das Aus oder die Abwanderung nach China / tagesanzeiger.ch – Microlino sieht keine Anreize für Produktion in Europa, jetzt lockt China

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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