Wie die Autoindustrie die Mobilitätswende verschlafen hat

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Bei unserer Recherche nach dem aktuellen offenen Brief der IG Metall, der den Titel „Appell zur Stärkung der Automobilindustrie – Deutschlands Zukunft als Industriestandort sichern“ trägt, sind wir auf ein interessantes Fundstück aus dem Jahr 2009 gestoßen. Dieses trägt den Titel „Zukunft der Automobilindustrie sichern“. Die Parallelen dieser mittlerweile mehr als 15 Jahre alten Meldung zur aktuellen Situation der deutschen Autoindustrie sind ernüchternd geradezu. Verdeutlichen sie doch, wie sehr Autohersteller die Transformation, die aktuell dringender ist denn je, schlicht und einfach verschlafen haben.

„Urbanisierung, Knappheit fossiler Brennstoffe und der Klimawandel stellen die Branche vor große Herausforderungen. Die IG Metall fordert daher einen Branchenrat zur Zukunft der Mobilität“, heißt es in dem Schreiben aus 2009, dem Jahr, in dem die EU bereits sich mit den Jahren immer weiter verschärfende CO2-Grenzwerte beschlossen hat, die derzeit für viel Gesprächsstoff sorgen.

Die IG Metall verwies damals auf die „European Automotive Survey 2009“ von Ernst & Young, wonach ausländische Automobilmanager in Deutschland den damals weltweit attraktivsten Automobilstandort sahen. Besonders die Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität deutscher Autobauer schätzten die 300 befragten Manager aus der europäischen Automobilindustrie hoch oder sehr hoch ein.

2009 – wir erinnern uns: Weltwirtschaftskrise, Abwrackprämie – gingen die Neuwagenzulassungen massiv zurück, und schon damals galt das Geschäftsmodell der deutschen Automobilindustrie mit ihrem Fokus auf große Autos unter Vernachlässigung kleiner, auch für die breite Masse erschwingliche Autos, als fragwürdig und gefährlich.

Die IG Metall hatte daher neun Thesen zur Zukunft der Automobilindustrie aufgestellt, in denen sie der Branche gravierende Umwälzungen prophezeite. 2009 wohlgemerkt. Demnach musste von einer steigenden Nachfrage nach verbrauchsarmen, energiesparenden Antrieben in kleinen, umweltfreundlichen Fahrzeugen zu rechnen gewesen sein, warnte die IG Metall eindringlich.

Und jetzt, 2025, rufen die Geschäftsführer und Betriebsratsvorsitzenden fünf großer Automobilzulieferer gemeinsam mit der IG Metall Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Unterstützung der Autoindustrie auf. „Uns eint gemeinsam mit der IG Metall die tiefe Sorge um den Automobilstandort Deutschland“, schreiben die Chefs und Arbeitnehmervertreter von Bosch, Continental, Mahle, Schäffler und der ZF Group dem Handelsblatt zufolge in einem offenen Brief an den Kanzler.

Ein zentraler Punkt des Schreibens ist die Notwendigkeit, den Hochlauf der E-Mobilität zu beschleunigen, etwa durch steuerliche Erleichterungen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur. „Die aktuelle EU-Regulierung zu den CO2-Flottengrenzwerten setzt sehr ehrgeizige Ziele“, heißt es in dem Schreiben. Um diese zu erreichen, müsse die Politik die Rahmenbedingungen schaffen.

Nur: Seit 2009 weiß die Branche Bescheid, wohin der Weg führt. Jetzt die Politik dafür verantwortlich zu machen, dass die Appelle von damals in den Werken der Autohersteller verhallten, weist die Schuld dem falschen Adressaten zu. Anstatt sich das eigene Versagen einzugestehen – und einige der Vorschläge, die bereits 2009 auf dem Tisch lagen, vielleicht doch mal umzusetzen.

Quelle: IG Metall – Pressemitteilung vom 26.10.2009 / Handelsblatt – Bosch, ZF, Continental und IG Metall appellieren an Scholz

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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S. Eckardt:

Dass es hinterher immer alle besser gewußt haben – keine Frage!
Im Artikel ging es aber darum, dass es Leute aus der Branche VORHER – und zwar 15 Jahre vorher! – besser wussten …
(und wie wichtig es gewesen wäre, diesen unausweichlichen Wandel nicht zu verpassen)

Waldi:

Aber auch die Angestellten haben in den letzten 15 Jahren bei VW sehr gut verdient…..

Andreas Stecher:

Es wäre nicht schlecht gewesen, im Artikel einen link auf den offenen Brief an Scholz zu liefern bzw etwas auf die 9 Vorschläge einzugehen , oder habe ich den übersehen.

Highländer:

Genau das was Du sagst wollte und will keiner hören, aber so ist es. Warum gehen denn die Zulieferer als Erstes in Schieflage, warum wohl !? Was nun deutsche Autoindustrie, wenn man auf Kosten der Zulieferer keine Gewinne mehr fahren kann ! Die Zulieferer versuchen jetzt ihr Heil in China und anderswo zu suchen, solange sie es noch durchhalten können. Und von wem kamen die Neuentwicklungen und woher werden diese kommen wenn wir unsere Zulieferer verlieren ? Beleuchtete Kühlergrills im Scheunentorformat sind keine Innovationen, stammen diese nur von den Blechbiegern himself. Die Manager arbeiten nur kurzfristig auf ihre und die der Shareholder hin, ein echter Unternehmer will sein Unternehmen solange wie möglich am Leben erhalten. Hätte man auf Grupp von Trigema gehört………

E.Wolf:

Es wurde ja nicht nur verschlafen – es wurde betrogen: Schon den Dieseskandal vergessen ?

Bosch zu vorderst, VW, Audi und vermutlich alle anderen auch, nur darin sahen die bundesdeutschen Hersteller die Lösung.

Und NICHT in der Entwicklung elektrischer Antriebe und passenden eAuto’s. Dabei machte das „Start-up“ Tesla es gerade vor!

Rudi:

Das Geld, das verwendet wurde um die E-Mobilität zu verhindern sollte man den damaligen Managern von den Millionen-Bezügen und -Renten abziehen.
Daran zahlen die Verbraucher heute noch.
Z.B. die Preise der VW-PKW’s zeigen es deutlich – noch oben drauf – neben den unverdient hohen Manager-Bezügen.

Tom:

Achtung, Satire:

Vermutlich werden wir irgendwann überhaupt keine herkömmlichen Kraftfahrzeuge mehr haben, bei denen Antrieb und Personenbereich fest miteinander verbunden sind.

Es wird vielleicht AUTO-Mobile (also selbstfahrende, Antriebe) und private Kabinen geben, die dann bis in die Wohnung transportiert werden. Wenn Mann/Frau ein neues Ziel haben, steigen sie in ihre Kabine, in der all ihr privater Müll verbleiben kann, rufen einen fahrbaren Untersatz, und los geht es.

Die Kabinen müssen selbstverständlich strahlungsfest und staubdicht sein, da unsere schlauen Politiker ja immer noch keine Lösung für die Lagerung der radioaktiven Abfälle der neuen Atommüllkfabriken („Kraftwerke“) gefunden haben werden.

Satire Ende

Tom:

Vielleicht hat man sich einfach von den guten Geschäftsergebnissen blenden lassen

Man sollte dabei nicht vergessen, dass die Zahlungsfristen (Lieferantenkredite), die man über die Jahre von den Zulieferern verlangt hat, ständig gewachsen sind. Ich hörte neulich von Betroffenen von inzwischen 120 Tagen. Da frag ich mich, wer die „Gewinne“ finanziert hat?

Und mit dem Kauf ganzer Rechenzentren (Buchhaltung/Steuerberatung) inklusive der Daten von Hunderten KMU hatte Lopez auch das Wissen in der Hand, die KMU bis auf den Kern auszuquetschen.

Nun ist das „Monopoli-Spiel“ ein weiteres Mal am Ende und man erwartet wohl von der Gesellschaft (dem Staat), dass nochmals prolongiert wird.

Sir Beelzebub:

… die Manager haben die Kohle von Big Oil gerne genommen, langfristig und sehenden Auges haben sie eine ganze Industrie gegen die Wand gefahren weil man auf Lobbyisten und die eigene Gier gehört hat- man sollte sich an Fossil Crime Firmen schadlos halten, nicht an den Arbeitskräften und dem Steuerzahler!!

Frank2:

Ich versuche nicht abzulenken.
Ich habe nur bemerken wollen, dass hinterher immer alle schlauer sind.

Und wenn VW in 3 Jahren immer noch existiert werden die gleichen Leute die heute den Weltuntergang vorhersagen einen Leserbrief schreiben, in dem steht „….hab ich schon vor 10 Jahren gesagt….“-

Die Fakten sprechen für sich und der Erfolg einer bestimmten Firma oder gar einer ganzen Industrie kann niemand vorhersagen.

Vor ca. 3 Tagen haben alle Donald Trump zugeklatscht als er angekündigt hat dass einige Firmen 500 Milliarden in AI Infrastruktur investieren werden.
Die Börsenanalysten und Experten haben sich in Extase geschrieben.
Anleger haben Fantasiepreise für bestimmte Aktien bezahlt.

und heute……

Ein kleiner chinesicher Player hat das alles obsolet gemacht.

Ich bin sicher es gibt jetzt wieder viele Leserbriefe auf vielen Foren die beginnen: „…..ich hab schon vor 10 Jahren gesagt….“!

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