V2G: Porsche testet Taycan als Pufferspeicher für das Stromnetz

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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Bisher fließt der Strom bei der Elektromobilität vor allem in eine Richtung – vom Ladepunkt ins Elektroauto. Im Zuge von Vehicle-to-Grid-Anwendungen (deutsch: „vom Fahrzeug zum Netz“), abgekürzt V2G, könnte sich das bald ändern. Wenn sie gerade nicht gefahren werden, könnten Elektroautos künftig ebenso Energie ins öffentliche Stromnetz zurückspeisen. Zu einem Pool aus zahlreichen Fahrzeugen zusammengefasst, könnten diese als virtuelles Kraftwerk einen Teil der sogenannten Regelleistung liefern. Diese gleicht die Schwankungen im Stromnetz aus.

Dass die Hochvolt-Batterien von Elektroautos als intelligenter Schwarm den Strom puffern können, haben schon mehrere Projekte bewiesen. Nun auch ein realitätsnaher Pilotversuch von Porsche, dem Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW und dem Beratungsunternehmen Intelligent Energy System Services (IE2S). Dabei wurden fünf Serien-Taycan sowohl in häuslicher Umgebung als auch unter Laborbedingungen über den Porsche Home Energy Manager (HEM) ans Stromnetz angeschlossen. Zuvor hatten Experten von Porsche Engineering die Software dieser Schaltzentralen an den Feldversuch angepasst.

Die Ladetechnologie des Porsche Taycan und unsere Produkte Home Energy Manager und Mobile Charger haben viel Zukunftspotenzial. Das hat der Pilotversuch ergeben“, sagt Lutz Meschke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Vorstand Finanzen und IT der Porsche AG. „Ein derartiges Pooling-System lässt sich nicht nur für den Regelleistungsmarkt nutzen. Erweiterte Lösungen für Green Charging und andere Vehicle-to-Grid-Anwendungen sind gleichfalls denkbar. Hinzu kommt: Wenn Elektrofahrzeuge künftig elektrische Energie zum Beispiel aus privaten Photovoltaikanlagen ins Netz zurückspeisen und so zum Ausbau der regenerativen Energie beitragen, erhöht das die Akzeptanz der E-Mobilität weiter.“

Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wird die Regelleistung für den sicheren Netzbetrieb künftig noch wichtiger. Auch wenn Wind und Sonne nicht immer zur Verfügung stehen, muss das Stromnetz stets ausglichen sein. Werden Stromnetze nicht konstant bei 50 Hertz Netzfrequenz stabilisiert, drohen Stromausfälle. Bisher federn vor allem konventionelle Kraftwerke diese Schwankungen ab. Hochvolt-Batterien als Pufferspeicher zu nutzen, wäre eine Win-win-Situation: Denn die Fahrer eines Elektroautos könnten sich ihren Beitrag zur Regelenergie finanziell vergüten lassen.

Das Pooling-System passt die Ladevorgänge koordiniert in Echtzeit an

Kernelement der Datenkommunikation im Pilotversuch ist ein von IE2S entwickeltes, cloud-basiertes Pooling-System. Dieses koordiniert die Ladevorgänge der Elektroautos. Dabei übersetzt es die Regelleistungs-Sollwerte des Netzbetreibers in fahrzeugspezifische Signale, die die Ladevorgänge in Echtzeit steuern. Darüber hinaus regelt das Pooling-System den hochfrequenten und zeitsynchronen bidirektionalen Datentransport. Testweise wurde das Pooling-System an die Hauptschaltleitung von TransnetBW in Wendlingen bei Stuttgart angebunden.

Ein echter messbarer Meilenstein: Das Projektteam hat es geschafft, die komplexe Kommunikationsinfrastruktur zwischen unserem Leitsystem und mehreren Elektrofahrzeugen zu realisieren. Zugleich wurden die strengen Vorgaben für das Vorhalten und Erbringen von Regelreserve erfüllt. Damit können wir Elektromobilität in das intelligente Stromnetz der Zukunft integrieren„, erklärt Dr. Rainer Pflaum, CFO TransnetBW.

Aus Sicherheitsgründen gelten in Deutschland hohe Anforderungen an die Regelleistung. Beim Pilotversuch ergaben detaillierte Messungen, dass die Sollwerte aus dem Netzleitsystem erfüllt werden. Das gilt sowohl für Primär- (FCR: Frequency Containment Reserve) wie für Sekundärregelenergie (aFRR: automatic Frequency Restauration Reserve). FCR ist zur schnellen Stabilisierung des Netzes nötig, aFRR hingegen muss erst innerhalb von fünf Minuten in voller Höhe zur Verfügung stehen.

Die Messungen erfolgten im Leitsystem, in den Liegenschaften (Taycan, Mobile Charger und HEM) sowie im Pooling-System. Für FCR wurden die Funktionen des HEM um eine lokale Frequenzmessung erweitert.

Quelle: Porsche – Pressemitteilung vom 08.04.2022

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Volta:

Das muß nun endlich aus den Versuchsstadion heraus und vernünftig integriert werden, das ganze hin und her der letzten Jahre kostet uns nur Zeit und Steuergelder. Es ist ausreichend bekannt, dass diese Regelleistung am Netz förderlich ist und erforderlich ist dieser Beitrag schon lange. Wenn nun noch mehr erneuerbare Energie ins Netz kommt, dann brauchen wir auch Puffer und jeder Puffer zählt.
Also bitte ihr Netzbetreiber, nun aktiv werden und nicht länger dieses Thema aussitzen, findet eine einheitliche Regelung und vernichtet nicht weiter über Nichtstun unser Geld. Alle gerade geförderten Wallboxen hatten hier auch schon eine Rolle spielen können aber mangels vorab geregelter einheitlicher Schnittstelle fliegen diese Boxen nun blind. Das ist in Anbetracht der Steuergelder, die hier geflossen sind und der im Netz erforderlichen Regelleistung geradezu fahrlässig und Verschwendung. Das darf sich nicht wiederholen, zur Not einfach Mal ein paar Lobbyisten aus Berlin schmeißen, es gibt irgendwie Grenzen für industrielle Unterstützung.

Daniel W.:

Die Energiewende wurde im Grunde bisher noch gar nicht richtig umgesetzt, weil sie so stark behindert wurde, deshalb können sich viele Leute deren Vorteile auch nicht so richtig vorstellen.

Manche bekämpfen die Energiewende, teilweise unter dem Deckmantel von Vereinen oder Bürgerinitiativen mit Unterstützung der Industrie und ihrer Lobbyisten.

Meine Lesetipp:

Die Gegner der Energiewende >> greenpeace.de/publikationen/gegner_der_windkraft.pdf

Die Nachteile der Abhängigkeit durch fossile Energien wurden vielen Leuten durch den Ukraine-Krieg erst bewusst und die jetzt steigenden Energiepreise lassen den Traum vom angeblich sauberen und günstigen Gas aus Russland platzen, auf das die Politik (zu) lange gesetzt hat.

Es wurden Jahrzehnte vergeudet, jetzt sollte mal 10 Jahre lang eine wirkliche Energiewende betrieben werden, damit sich zeigen kann wie günstig das für die Mehrheit der Bürger ist.

Martin:

Nachdem bisher die Kleinverbraucher über die Ökostromumlage einen wesentlichen Kostenanteil der Energiewende gestemmt haben und die Großverbraucher dabei von niedrigen Börsenstrompreisen profitiert haben (und zudem auch bei den Netzentgelten privilegiert wurden) wäre es doch durchaus mal an der Zeit für eine fairere Lastenverteilung.

Das hat mit „Egoismus pur“ jetzt nicht so viel zu tun. Übrigens zählen zu den nichtprivilegierten Kleinverbrauchern auch Handwerksbetriebe und viele Mittelständler, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. (Falls jetzt das Standardargument mit den Arbeitsplätzen kommen sollte…)
Nur weil Energieversorger (die im Moment durchaus prächtig kassieren) und Großindustrie die guten Lobbyverbindungen haben, sollte die bisherige Ungleichbehandlung weitergeführt werden…

Hannes Bader:

Ganz schön konzentrierter Unsinn. Egoismus pur. Das Beste wäre: Du gehst in den Wald und baust dir deine Solarzellen, Akkus selbst und schmilzt dein eigenes Kupfer, Eisen mit der Kraft der Sonne und des Windes. Dann kannst du deine persönliche Ökobilanz befreit von allem Ballast gestalten. Vielleicht hilft es dir weiter. Und alles ganz ohne Lobbyismus.

Daniel W.:

Ich bin ja für die Energiewende von unten und dezentraler Stromversorgung und dass die Millionen E-Autos keine große Industrieanlagen in ganz Deutschland oder der EU mit Strom versorgen, sondern den zeitweisen regionalen Strommangel in Haushalten, bei Handwerkern und kleinen Firmen ausgleichen.

Die großen Stromfresser sollen sich an den großen Stromtrassen beteiligen und ihren Strom von den Windpark im Norden und im Meer holen, an denen sie sich ja auch beteiligen können, und den Überschuss in Batterien oder als Wasserstoff speichern, den sie ja sowieso in großen Mengen brauchen.

Die Energiewende von unten versorgt vor allem die kleinen und mittleren Verbraucher einer Region mit Strom und über die (Erd-) Wärmepumpen auch mit Wärme und warmen Wasser. Die E-Autos dienen nebenbei als Puffer für den Ökostromüberschuss, den sie aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben.

Zusätzlich sind die Regionen auch miteinander verbunden, so dass bei reichlich Sonne und Wind in einer Region der überschüssige Strom an anderen Regionen abgegeben und bei einem Mangel auch wieder zurückgespeist werden kann – also dezentral, aber im Verbund mit anderen für alle Fälle.

Erst wenn die regionalen Speicher voll sind, dann kann der Überschuss auch an die Großindustrie abgegeben werden, damit kein Windrad abgeschaltet werden muss und kein Strom verloren geht.

Deutschland könnte sich mit erneuerbaren Energien bei Strom und Wärme gut selber versorgen, wenn man die großen Energiefresser von Industrie und Flugverkehr nicht „mitfüttern“ müsste, den Ausbau bei PV- und Windkraftanlagen nicht behindert hätte und mehr (Erd-) Wärmepumpen als Heizung nutzen würde.

Martin:

Bei der aktuellen Konstellation von NCM und begrenzter Zykluslebensdauer macht V2G in großem Stil tatsächlich noch nicht viel Sinn, sehe ich aber als wichtige Fingerübung für die Zukunft. Mehrere Millionen rollender Speichereinheiten nur unidirektional zu betreiben, wäre irgendwo Verschwendung.

Im klassischen Netzbetrieb wäre, was den Klimawandel und wachsende Unwettergefahr betrifft, eine mögliche Inselfähigkeit (V2H) natürlich auch cool, nicht jeder will ein Notstromaggregat ständig betriebsbereit halten.

neumes:

da bin ich bei dir.

Tom62:

Bin gespannt wie viele „Porschefanboys“ dort mitmachen werden… ;)

brainDotExe:

Ich stehe der ganzen V2G/V2H Geschichte kritisch gegenüber bin aber auch zwiegespalten.

Zum einen will ich den Akku des Fahrzeuges nicht zweckentfremdet zusätzlich belasten.
Zum anderen wäre V2H mit eigener PV+Anlage relativ interessant.

V2G ist erst interessant wenn es ordentlich bezahlt wird. Sprich man sich nach x Jahren zusätzlicher Belastung davon mindestens einen neuen Akku für das Fahrzeug kaufen könnte.

Für V2H sehe ich aber, ein paar Probleme. Muss dass Fahrzeug das extra unterstützen? Sprich alle bis jetzt ausgelieferten Modelle sind nicht kompatibel? Dann wird das die nächsten 5-10 Jahre eh nichts, zumindest nicht im Bestand.
Außerdem peilt CATL 30$/kWh bei Natrium Ionen Zellen an. Das ist so günstig, dass man sich auch einfach einen stationären Speicher zu Hause aufstellen kann.
Alternativ werden LFP Zellen auch sicher noch ein Stück günstiger.

Würde ich präferieren um den (teuren) NCM Auto Akku nicht unnötig zu belasten.

David:

Wie schon bei Hyundai angemerkt, die übrigens von Porsche/Rimac die Technik gekauft haben, V2G kommt und wird ein viel höheren Beitrag zu leisten, erneuerbare Energien sinnvoll einzusetzen, als man jetzt ahnt. Wo ist eigentlich Tesla, die ja angeblich Jahrzehnte den anderen in der Entwicklung voraus sind? Nun, das Thema hatten sie mal wieder nicht auf dem Schirm.

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