Diess: „Wir lieben das Elektroauto noch nicht genug“

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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Über Jahrzehnte hinweg war das deutsche Automobilcluster ein weltweit einzigartiges Erfolgsmodell. Marken wie Porsche, Daimler, BMW und Audi haben in einem Umkreis von wenigen hundert Kilometern ein Premiumsegment aufgebaut, das global Maßstäbe setzte. Dabei profitierten sie nicht nur von technischer Exzellenz und einem dichten Zuliefernetz, sondern auch von politischen Rahmenbedingungen, die kaum zufälliger hätten sein können. Ein Tempolimit gibt es nicht, Dienstwagenregeln fördern teure Modelle, und Kanzler aller Couleur verstanden sich als Fürsprecher der Branche. Doch dieser Nimbus beginnt zu bröckeln – und Herbert Diess, ehemaliger Volkswagen-Chef, benennt die Gründe dafür in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche schonungslos direkt.

„Das Cluster hat an Kraft verloren“, schreibt Diess und verweist auf die fundamentalen Verschiebungen im globalen Automarkt. Die Optimierung des Verbrennungsmotors sei abgeschlossen, weitergehende Verbrauchs- und ergo auch CO₂-Verringerungen kaum noch möglich. Parallel dazu hätten Elektrifizierung und Automatisierung eine Dynamik entfaltet, die Deutschland nicht mehr mitbestimmt. „Die Dynamik dieser Industrie wird nicht mehr in Deutschland, sondern in China bestimmt, konstatiert er. Der weltweit größte Automarkt sei längst auch der bedeutendste für Premiumfahrzeuge – und das spiegele sich in den Entwicklungen vor Ort wider.

China ist heute nicht mehr nur der Leitmarkt für Elektroautos, sondern auch technologisch federführend. Während die deutsche Debatte von Unsicherheit, Ladeinfrastruktur und Kosten dominiert wird, haben chinesische Hersteller längst Tatsachen geschaffen. „2030 wollte China einen E-Fahrzeug-Absatz von 50 Prozent erreichen – das Ziel wurde sechs Jahre zu früh erreicht“, so Diess. Ein Erfolg, der nicht nur westliche Hersteller, sondern auch chinesische Staatskonzerne unter Anpassungsdruck setzt. Und dennoch ist die Botschaft klar: Wer technologisch mithalten will, muss in China erfolgreich sein. Der deutsche Heimatmarkt hingegen hinke „selbst im europäischen Vergleich“ hinterher.

Besonders deutlich wird Diess beim Thema Batterieentwicklung. Die Hoffnung auf eine europäische Alternative sei „illusorisch“, solange in China wöchentlich neue Bestmarken bei Ladezeiten, Lebensdauer und Kosten gesetzt werden. Die Konsequenz: Kooperation statt Konfrontation. Nur durch Allianzen mit chinesischen Technologiepartnern könne Europa wieder Anschluss finden. Neue Milliarden in westliche Start-ups zu investieren, hält Diess für verschwendet – der Wettbewerb sei schlicht zu weit fortgeschritten.

Hinzu komme eine strukturelle Veränderung der industriellen Logik. Digitalkonzerne wie Huawei bieten heute Elektronik- und Softwareplattformen auf einem Niveau an, das die Rolle klassischer Zulieferer wie Bosch oder Continental infrage stellt. Die Autohersteller selbst beschränken sich zunehmend auf Design, Marketing und Vertrieb – technologische Differenzierung entsteht woanders. „Inzwischen ist ein chinesischer ‚Über-Bosch‘ entstanden“, kommentiert Diess die Entwicklung nüchtern.

Trotz der Kritik sieht Diess auch Potenziale für deutsche Hersteller. Markenstärke, Kundentreue und das über Jahrzehnte gewachsene Premium-Erlebnis könnten Differenzierungsmerkmale sein, die sich nicht so leicht kopieren lassen wie Hardware oder Software. „Die deutschen Hersteller sind technisch auf Augenhöhe und nah dran“, betont er. Die neue E-Plattform von BMW, die sogenannte Neue Klasse, und vergleichbare Projekte bei anderen Herstellern würden ab 2025 wichtige Impulse setzen. Auch VW sei gut unterwegs: In den ersten Monaten 2025 habe sich der Bestelleingang für Elektroautos um über 80 Prozent erhöht. Diess erinnert aber auch daran, dass deutsche Konzerne weiterhin Gewinne erzielen – ein Unterschied zu vielen chinesischen Start-ups.

Um den strukturellen Wandel zu meistern, müsse Deutschland aber endlich handeln. Regulierung, Infrastruktur und emotionale Akzeptanz des Elektroautos seien zentral. „Wir haben es nicht geschafft, die Rahmenbedingungen für einen Durchbruch der neuen Technologien zu schaffen“, kritisiert Diess. Stattdessen braucht es ein Bekenntnis zu einem starken Heimatmarkt, inklusive Ladeinfrastruktur, Integration ins Stromnetz und neuen Anreizen. Ein zentraler Vorschlag von Diess lautet, die Dieselsubventionen auslaufen zu lassen – nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus industriepolitischen Gründen. Der Strompreis sinke, elektrische Energie werde günstiger – das müsse sich im Mobilitätsverhalten widerspiegeln. „Rudolf wird es uns nachsehen“, schreibt Diess in Anspielung auf Rudolf Diesel und die bis heute bestehenden steuerlichen Vorteile für den Selbstzünder.

Sein Appell an Politik und Industrie ist deutlich: Deutschland könne wieder zum Leitmarkt und Technologietreiber werden, wenn jetzt entschlossen gehandelt werde. „Die deutsche ‚Auto AG‘ hat das Potenzial, zu alter Stärke zurückzukehren“, so sein Fazit – doch dafür müsse man bereit sein, alte Gewissheiten hinter sich zu lassen und das Elektroauto endlich wirklich zu wollen. Denn: „Wir lieben das Elektroauto noch nicht genug.“

Quelle: WirtschaftsWoche – Liebt Elektroautos, verabschiedet euch von Diesel-Subventionen

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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adson:

Der Argumentation kann ich nicht folgen. – weil ein E-Auto deutlich günstiger als ein Benziner ist im Unterhalt, kann ich mir kein E-Auto leisten? –
Man muss es nur wollen und sich mal mit der Materie beschäftigen. Wenn möglich sich von einer Vertrauensperson, die sich bereits mit E-Autos auskennt, beraten lassen.
Ein günstiges gebrauchtes E-Auto ist doch inzwischen zu bekommen. Wenn die Garantie der Hochvoltbatterie (meistens 8Jahre) noch läuft, ist das Risiko relativ klein.
Ansonsten sollte man einen Batterietest (von AVILO) verlangen, wenn der nicht inzwischen schon Standard ist.

Und im Fall der Fälle hilft die EV-Clinic in Berlin weiter, mit der kostengünstigen Reparatur der Hochvoltbatterie.

Aptera-begeisterter:

da ist was dran, ich sage eindeutig, kein Verbrenner kann einem E-Auto das Wasser reichen. Ich werde nie mehr einen Verbrenner fahren. Ja, ich wiederhole mich, wir könnten alle eine wesentlich höhere Lebenswerwarung haben, ohne Fossilien Gift….

Spiritogre:

Das war ein umgebauter Prototyp nicht die Serienversion.

HKO:

Wir lieben E-Autos noch nicht genug, weil wir in D am meisten schlechte Nachrichten lieben!

Marcel Gleißner:

Warum ein Verbrennerverbot?
Warum Staatlich verordneter Zwang?
Ich verstehe es nicht, das ist Planwirtschaft und hat mit Markwirtschaft nichts mehr zu tun.

Die ganz normalen Arbeiter, die sich vielleicht ein gebrauchtes Auto leisten können, werden an härtesten bestraft. Ich selbst gehöre auch dazu, mein kleiner Skoda Fabia ist 11 Jahre alt(abgezahlt) und in naher Zukunft kann ich mir nichts anderes leisten. Wenn dann wieder einen kleinen gebrauchten Benziner, der ist für mich Praktisch und passt zu meinen Bedürfnissen auf dem Dorf.

Ich bin strikt gegen das Verbrennerverbot, es schadet nur den normalen Bürger.
Wohlhabende und Reiche Leuten, können das nicht verstehen, die juckt des nicht. Hauptsache die Moralkeule schwingen und der Mehrheit, die Überzeugung einer Minderheit aufzwingen.

Marcel Gleißner:

Schön für Sie.
Nicht jeder hat ein Haus und eine PV Anlage. Die Mehrheit der Deutschen kann sich sowas nicht leisten.
Typisch Geldmenschen…

Marcel Gleißner:

Was soll das eigentlich heißen, das wir das E Auto nicht genug lieben. So ein Quatsch. Jeder Autofahrer soll selbst entscheiden, welcher Antrieb praktischer ist im Alltag. Der Herr Dieses war selbst VW Manager und hat vieles Verschlafen und jetzt sucht er nach Entscheidungen und schiebt die Schuld auf andere….

John Blazkowicz:

Wenn man wirklich was für die Natur machen möchte, müssten man als erstes die Abholzung der Regenwälder schnellstmöglich beenden und stattdessen viele Bäume pflanzen, weil die Regenwälder sind die größten CO2 Speicher der Welt. Als nächstes müsste man den Überkonsum reduzieren, zu was brauche ich so viele verschiedene Fleisch und Milchsorten im Laden, wenn am Ende eh über die Hälfte weggeschmissen wird? Ist klar bei den von mir erwähnten Sachen kann man halt nicht so viel Steuern für jeglichen Blödsinn einnehmen. Der Verbrenner ist heute so sauber, dass er sehr wenig Schadstoffe ausstößt. Über die Hälfte in Deutschland fahren mit Euro 6 und die Luft wird doch von selbst besser, da braucht es keine Verbote und Preiserhöhungen, so wie politische Eingriffe. Das hetzt nur die Bevölkerung auf und dann wundert man sich, dass die Leute die Schnauze voll haben…

Legenders:

Du widersprichst dir in einem Kommentar selbst. „In den vergangenen Jahrzehnten hat China, nicht zuletzt mit Hilfe deutscher Unternehmen, das Autobauen gelernt.“ -> „Kooperation ist das Stichwort, da bin ich ganz bei Herrn Diess“

Dir ist bewusst, dass China alle Hersteller in Joint Ventures gezwungen hat? Wer nicht sieht wohin die Kooperationen geführt haben ist blind. Geely mit Renault VW mit FAW und SAIC das ganze Wissen der deutschen Ingenieure wurde ausgesaugt. Neudeutsch würde man von einem „Brain Drain“ sprechen. Und danach wurden die europäischen Hersteller ausgespuckt. Geely hat alle Kompetenzen von Renault übernommen, nur um danach mit dem Wissen PHEVs zu bauen. Da empfehle ich, sich mal näher damit zu befassen. Die Verkaufszahlen von Renault in China sprechen für sich.

Dass die europäischen OEM vorsichtig sind ist daher absolut verständlich und nicht mit Überheblichkeit zu verwechseln.

Robert:

der arme Kerl ist derjenige sich ein Gebrauchtwagen kauft der zwischen 5.000- max. 15.000 liegt. du solltest nicht vergessen das 70% aller Neuwagen Firmnenwagen sind die irrsinnig hoch subventioniert werden, da kommen schnell mal 20.000 Euro an Geldwerten Vorteil zusammen fängt ja schon beim Leasing an Gewerbekunden haben gegenüber den Prtivaten oft Preisvorteile von 30-50% dazu kommt dann noch das die Mehrwertsteuer komplett abgesetzt werden kann, dann noch die 0,25% Regelung beim E-Auto usw. und der arme Kerl macht Urlaub auf Balkonien wenn er denn einen hat oder sitzt zuhause rum um sich zu entspannen nichts mit Urlaub fahren kein Geld dafür übrig

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