Großversuch in Tiefgarage: Im Schnitt reicht eine Ladeleistung von 4,6 kW

Cover Image for Großversuch in Tiefgarage: Im Schnitt reicht eine Ladeleistung von 4,6 kW
Copyright ©

Netze BW

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Dass die Elektromobilität kurz davor ist, ihren Siegeszug auf Deutschlands Straßen anzutreten, daran gibt es kaum noch Zweifel. Eine seit dem vergangenen Jahr geänderte Gesetzeslage wird zusätzlich zu einem Hochlauf beitragen – insbesondere in Mehrfamilienhäusern. Aber wie können diese optimal mit Ladeinfrastruktur nachgerüstet werden? Und wird das Stromnetz den zusätzlichen Belastungen standhalten?

Ergänzend zu theoretischen Modellen spielt der Netzbetreiber Netze BW dies in der Realität, in so genannten NETZlaboren, durch. In einem 16-monatigen Feldtest, dem E-Mobility-Carré in Tamm bei Ludwigsburg, wurde untersucht, ob die bisherige Anschlussleistung auch für nachträglich in der Tiefgarage installierte Ladestationen noch ausreicht. Beziehungsweise wie man bestenfalls ohne zusätzliche Netzverstärkungsmaßnahmen mit dem bestehenden Hausanschluss auskommt – und zwar ohne Komforteinbuße für die Bewohner. Die Untersuchungen sind nun abgeschlossen.

Anlass für diesen Test ist die bevorstehende Mobilitätswende als Teil der Energiewende, die eine gänzlich neue Herausforderung für die Energiewirtschaft und die Stromverteilnetze darstellt. Bis zum Jahr 2030 müssen in Deutschland laut einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur rund 15 Millionen E-Fahrzeuge in das Stromnetz integriert werden. In Projekten wie jenem in Tamm werden die Grundlagen dafür geschaffen. Denn damit die Elektromobilität hierzulande eine Erfolgsstory wird, braucht es ein leistungsfähiges und weiterhin zuverlässiges Stromnetz.

„Deutschlands Automobilindustrie befindet sich mitten in einem fundamentalen Transformationsprozess, den die Hersteller allein gar nicht stemmen können. Da sind gleichermaßen Politik und Wissenschaft aber auch andere Wirtschaftszweige wie die Energiebranche gefragt. Wir sind zu diesem Schulterschluss gerne bereit, um einen wichtigen Beitrag zur Mobilitätswende zu leisten.“ – Dr. Martin Konermann, Technischer Geschäftsführer der Netze BW

Für ihr NETZlabor in Tamm hatte Netze BW die Tiefgarage der Wohnanlage Pura Vida mit 58 Ladepunkten ausgestattet und den Teilnehmern 45 E-Autos – BMW i3 sowie VW e-Golf – für den täglichen Gebrauch überlassen. Die restlichen 13 Ladepunkte waren für bereits bestehende E-Autos von Bewohnern reserviert. Ob Familien mit Kindern, Paare oder Rentner, ob Gelegenheits- oder Vielfahrer – sie alle hatten ihren Benziner oder Diesel zeitweise ‚eingemottet‘ und waren von heute auf morgen elektrisch unterwegs. Mit wachsender Begeisterung, wie Netze BW mitteilt. Im Schnitt brachte es jeder dieser Elektropioniere auf eine monatliche Fahrleistung von 1100 Kilometer. Trotz Homeoffice und coronabedingten Einschränkungen ein beachtlicher Wert. Die Projektfahrzeuge wurden inzwischen zwar wieder abgeholt. Viele der Tammer E-Pioniere überlegen aber bereits, sich jetzt ein Elektroauto zuzulegen.

Cleveres Lademanagement glättet Lastspitzen

In dem Projekt ging es im Schwerpunkt darum, wie sich der Hausanschluss von Mehrparteien-Wohnobjekten für den zusätzlichen Verbrauch durch Ladestationen optimieren lässt. Ein idealer Anschluss stellt ausreichend Leistung zur Verfügung, ohne überdimensioniert zu sein. Letzteres wäre allerdings der Fall, wenn man davon ausgehen würde, dass dort alle E-Autos zur selben Zeit geladen werden.

Im E-Mobility-Carré zeigte sich jedoch, dass während der gesamten 16 Monate Projektdauer nie mehr als 13 Ladevorgänge parallel stattfanden – bei insgesamt 58 zur Verfügung stehenden Ladepunkten. Die sich auf das Netz belastend auswirkende „Gleichzeitigkeit“ betrug also lediglich 22 Prozent. Damit lag der Wert noch deutlich unter den bei einem ähnlichen Feldtest in Ostfildern gemessenen 50 Prozent. Fast während der Hälfte der Zeit wurde sogar überhaupt kein Auto geladen. Das zeigt das Potenzial von flexibilisierten Ladevorgängen.

Gesteuertes-Laden-Elektroauto-Tamm
Netze BW

Die maximale verfügbare Leistung der Wohnanlage von 124 kW sei kein einziges Mal vollständig abgerufen worden, teilt Netze BW mit. Während der gesamten Projektphase betrug die maximale Leistungsspitze knapp 98 kW. Leistungsspitzen mit mehr als 80 kW gab es insgesamt nur knapp 15 Stunden lang. Durchschnittlich gaben die 58 Ladepunkte zusammen etwa 240 kWh pro Tag an die E-Autos ab, im Schnitt waren es gut 17 kWh pro Ladevorgang. Um die E-Autos zuverlässig zu laden, reichte eine durchschnittliche Ladeleistung von nur 4,61 kW.

Wichtigstes Instrument dafür die Steuerung der Ladevorgänge war ein für das Projekt installiertes intelligentes Lademanagementsystem. Damit konnten die Anschlussleistung der Ladepunkte abgesenkt und so Lastspitzen reduziert werden. Bestehende Netzanschlüsse von Mehrfamilienhäusern können dadurch optimal ausgenutzt werden, ohne kostspielig erweitert werden zu müssen. Darüber hinaus gibt ein intelligentes Lademanagement Netzbetreibern zukünftig Zeit für sinnvolle, effiziente und nachhaltige Netzverstärkung. Dafür muss lediglich zeitweise eine etwas längere Ladezeit in Kauf genommen werden. Wodurch sich aber über 90 Prozent der Projektteilnehmer überhaupt nicht eingeschränkt fühlten – eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem E-Mobility-Carré.

Quelle: Netze BW – Pressemitteilung vom 16.04.2021 / Edison – So wenig Strom brauchen Elektroautos

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar und misch dich ein! 🚗⚡👇


Manuel Reich:

Für alle, die sich solche teuren Grossversuche nicht leisten können: der Verhalten von Ladeinfrastrukturen lässt sich heute schon mit hoher Genauigkeit simulieren. Mehr erfahren unter

https://www.connect-gp-joule.de/produkte/beratung/simulade

Strauss:

230 Volt x 10 Ampere ergibt 2,3 KW. so, und mehr ist in der Regel nicht drin 1 Phasig. Wer mehr will braucht 3 phasig 380 Volt.
Eine festmontierte Wallbox brauchts deshalb aber überhaupt nicht.
Man muss jedoch an jeder Steckdose anstecken könnnen.Solche hat s genügend. Dies geht mit der mobilen Box Juice Booster mit allen passenden Steckern für jedes E Auto serienmässig. 800.- Euro , (Ausser CCS). Auch bei OPEL Zubehör.

Richtig Fansworth, deine Frage ob sich dies Lohnt:
Ja. wenn du keine Einspeisevergütung für den zurückgelieferten Strom ab PV Anlage bekommst.
Nein , fallst Du noch mind. Euro 0,15 pro KW erhälst.
Oder andes gesagt, wenn du den Nachstrom billiger bekommst als dass sie dir Vergüten.
Wir setzen voraus, das auch bei Nacht künftig nur sauberer Strom kommt.

Farnsworth:

Wasserstoff und Brennstoffzelle kann im Haus als Saisonspeicher durchaus sinnvoll sein. Man kann die Abwärme nutzen (Heizung/Warmwasser) und damit den Wirkungsgrad erhöhen.

Ich habe einen Bericht von einem Schweizer Bauherren gesehen. Der hatte sein Niedrigenergiehaus komplett mit PV verkleidet (auch die Fassade). Den Überschuss aus dem Sommer hat er in Wasserstoff gewandelt und mit in den Winter genommen. Dann zwecks Heizung den Wasserstoff rückverstromt. Das Haus war komplett autark (inkl. E-Auto). Machbar ist es. Ob es Stand heute wirtschaftlich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Farnsworth

Farnsworth:

Da hast Du was falsch verstanden: Bis 11kW dreiphasig.

Farnsworth

Farnsworth:

Das hat nichts mit schönrechnen zu tun. Ein E-Auto reduziert trotz dieser Einwände die CO2 Emissionen, da ja kein Sprit mehr verbrannt wird(deutlich höherer Ausstoß). Dieser folglich auch nicht mehr gefördert und raffiniert werden muss. Da Ladestrom aus erneuerbaren Energien kommen muss, fördert jedes E-Auto auch den Ausbau erneuerbarer Energien. Alle mit eigenem Dach über dem Kopf dürften auch spätestens durch den Kauf eines E-Autos animiert fühlen sich eine eigene PV-Anlage auf das Dach zu legen und somit selbst für den Ausbau der Erneuerbaren zu sorgen.

Rechnen wir doch mal. Die 2.800 kWh sorgten im Strommix 2019 (401g/kWh) für 1,12t CO2. Im Jahr 2020 (361g/kWh) für 1,01t CO2. Das heißt ein Diesel hätte in 2020 nur noch 2,72l /100km verbrauchen dürfen um auf den gleichen CO2 Ausstoß zu kommen. Zeig mir einen Diesel, der das bei gleichen Fahrleistungen kann.

Alle anderen Vorteile (Fahrkomfort, Lärmreduzierung, kein Gestank) sind hier noch gar nicht eingerechnet.

Diese Sichtweise, das E-Autos für Mehrbedarf sorgen, der ausschließlich durch nicht erneuerbare gedeckt wird ist völlig unsinnig. Das gilt im Prinzip für jeden Verbraucher, vom Fön, über den Backofen bis zum Fernseher. Man kann immer nur mit dem Strommix rechnen.

Farnsworth

Strauss:

Der Daniel soll sich eine Solarzellenkarosserie auf den Kopf bauen, dann wüsste man den Grund weshalb er nie und nimmer was lernt in dem Metier.Jetzt verzapft er wieder da Gegenteil von vorgestern, und argumentiert pro Wasserstoff,Brennstoffzelle und Speicher.
Hannes, du kannst davon ausgehen , dass nicht alle Bewohner immer jede Nacht laden müssen.
(Künftig wird Reichweite von 400 KM stand der technik werden). E autos werden mit sauberem Strom geladen ! Am Tag per Fotovoltaik und in der Nacht von Wasserkraftwerken und Windrädern.
Diesbezüglich werden am nächsten Pariserklimagipfel die Fetzen fliegen. Und nicht nur in der neuen Landwirtschaftspoitik in Brüssel mit van der Leyen und möglicherweise einer grünen Bundeskanzlerin.

Daniel W.:

Dabei sollten man bedenken, dass eine Solarzellenkarosserie in Zukunft durch die Tandem-Technologie ca. 60% des Strombedarf eines E-Autos von Durchschnittfahrern decken wird.

Bei der Haustechnik könnten PV-Anlage, Brennstoffzellen und Wasserstoffspeicher eine autarke Strom- und Heizungslösung sein, solange andere Techniken preislich noch zu teuer sind.

Das Problem mit fehlendem Ökostrom für die vielen E-Fahrzeuge lässt sich leicht beheben, wenn die Politik nicht länger auf der Bremse bei den erneuerbaren Energien steht, also Solar- und Windkraftanlagen nicht mit Gesetzen und Bürokratie unnötig behindert.

Sonne und guten Ideen gibt es genug – leider aber auch viele lobbygesteuerte Blockierer.

Markus Wolter:

Bedauerlicherweise gibt es eine Förderung von Wallboxen erst ab 11 kW dreiphasig. Das scheint etwas am Bedarf vorbeizugehen.

Hannes Bader:

Man kann es sich noch eine Weile so schön rechnen, aber Fakt ist, dass diese 2.800kWh des E-Autos dem Jahresbedarf eines 2-Personen-Haushalts entsprechen. Da in Deutschland ungefähr ein Auto auf 2 Personen kommt, wird sich also der Strombedarf im Privatbereich durch das E-Auto verdoppeln. Langfristig muss die Heizung auch weg von fossilen Brennstoffen. Dazu sehe ich entweder Strom oder aus erneuerbarem Strom erzeugten Wasserstoff oder synthetisches Methan als Alternative. Vielleicht wird es auch eine Mischung aus beiden. Wenn Strom einen größeren Anteil hat, ist ein Netzausbau auch darum unumgänglich. Um das alles nachhaltig zu machen sind natürlich Erzeugungskapazitäten auf dem 3-5-fachen Niveau von heute nötig. Diese Erzeuger müssen über das ganze Land verteilt sein und mit starken Netzen verbunden sein, um z.B. den Windstrom ins ganze Land verteilen zu können. Es wird zwar im Küstenbereich häufiger zu Überschüssen kommen, aber es wird auch Tage geben an denen es umgekehrt ist, ebenso bei Photovoltaik, wo der Süden mehr zu bieten hat. Je besser die Netze sind desto weniger Akkukapazität ist nötig. Bis wir bei einer richtig CO2-armen oder -freien Stromerzeugung sind, dass ein E-Auto auch sicher damit versorgt werden kann, vergehen bei dem Tempo wie es seit 1998 vorherrscht noch 15 Jahre ins Land. Bis das Netz nicht wenigsten 30% der Zeit den Strom aus erneuerbaren Energien decken kann, trägt das E-Auto zur Erhöhung des CO2-Ausstoßes bei, in Netzen, die ihre Versorgungslücke mit fossilen Brennstoffen decken.

Daniel W.:

Der Durchschnittfahrer fährt ca. 14.000 km im Jahr, bei E-Autos also 140 x 20 kWh = 2.800 kWh im Jahr, das sind im Durchschnitt ca. 7,7 kWh am Tag.

7,7 kWh x 85 E-Autos geteilt durch 24 Stunden sind etwa 27,3 kWh pro Stunde, wenn alle ein E-Auto haben und es gleichmäßig verteilt über den Tag laden.

Zieht man die Leute ab, die auch in Zukunft ohne E-Auto sind (weil sie z.B. den ÖPNV nutzen) und die Leute, die beim Arbeitgeber (oder mit Solarkarosserie während der Arbeitszeit ohne Ladekabel), bei Bau- und Supermärkten laden, dann dürfte sich das Ganze in etwa halbieren oder noch weniger sein.

Bei 27,3 kWh pro Stunde, diese halbiert, das wären 13,65 kWh bzw. ein 20 kW Anschluss inkl. Reserve – und den Rest regelt ein Lademanagement, evtl. auch über unterschiedliche Preise.

Wer mit kühlem Kopf an die Sache geht, der sieht keinen „Elefantenbullen“, sondern einen „Baby-Elefanten“.

Ähnliche Artikel

Cover Image for EU: Marktanteil von E-Autos steigt auf 15,6 Prozent

EU: Marktanteil von E-Autos steigt auf 15,6 Prozent

Daniel Krenzer  —  

In Deutschland steigt der Anteil von Elektroautos in diesem Jahr besonders stark an. Frankreich hingegen schwächelte.

Cover Image for PEM: Europas Batterie-Industrie vor dem „Tal der Tränen“

PEM: Europas Batterie-Industrie vor dem „Tal der Tränen“

Sebastian Henßler  —  

Europas Batteriebranche kämpft mit hohen Kosten, fehlendem Know-how und dem Vorsprung asiatischer Wettbewerber – PEM-Professor Heimes zeigt die Folgen.

Cover Image for IAA: „Von deutschen Herstellern ist ein Modellfeuerwerk zu erwarten“

IAA: „Von deutschen Herstellern ist ein Modellfeuerwerk zu erwarten“

Michael Neißendorfer  —  

Kunden dürfen sich auf ultrakurze Ladezeiten und hohe Reichweiten freuen, so Capgemini-Analyst Sulek, die E-Mobilität wird also nochmals alltagstauglicher.

Cover Image for MG Motor will in zwei Jahren 13 neue E-Autos herausbringen

MG Motor will in zwei Jahren 13 neue E-Autos herausbringen

Daniel Krenzer  —  

Mit einer Produktoffensive will die SAIC-Marke vor allem auf dem Heimatmarkt mehr Kunden von seinen E-Autos überzeugen.

Cover Image for Porsche frischt den Elektro-Macan auf

Porsche frischt den Elektro-Macan auf

Michael Neißendorfer  —  

Porsche stattet den vollelektrischen Macan mit neuen Assistenzsystemen und digitalen Features aus. Im Fokus stehen mehr Komfort beim Parken, Laden und Ziehen.

Cover Image for Hyundai-Kia und Batteriehersteller arbeiten zusammen für sicherere Elektroautos

Hyundai-Kia und Batteriehersteller arbeiten zusammen für sicherere Elektroautos

Laura Horst  —  

Führende südkoreanische Autohersteller und Batterieunternehmen wollen gemeinsam die Batteriesicherheit verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.