Daimler erprobt autonomen Elektro-Lkw in den USA

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Daimler Truck

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Daimler Truck bringt zwei zukunftsweisende und vielversprechende Technologien – den batterieelektrischen Antrieb und das autonome Fahren – in einem Technologieträger gemeinsam zur Umsetzung: im autonomen Elektro-Lkw Freightliner eCascadia. Der rein elektrische Sattelschlepper basiert auf dem nordamerikanischen Serienmodell des Freightliner eCascadia und ist mit der autonomen Fahrsoftware von Torc Robotics sowie moderner Sensorik und Computertechnologie ausgestattet, wie der Hersteller mitteilt. Diese Komponenten ermöglichen demnach, dass der Technologieträger zu einem späteren Zeitpunkt gemäß SAE-Level 4 autonom fahren kann.

Torc Robotics ist die unabhängige Tochtergesellschaft von Daimler Truck für autonome Fahrtechnologie. Zwar handelt es sich noch um ein Forschungs- und Vorentwicklungsprojekt, Daimler Truck will damit aber das Potenzial aufzeigen, autonome Technologie zu einer modularen, skalierbaren Plattform zu entwickeln, die unabhängig von der Antriebstechnologie und flexibel in verschiedenen Lkw-Anwendungen einsetzbar sein soll. Das Ziel sei, Kunden beim autonomen Fahren in Zukunft über eine breitere Fahrzeugauswahl das passende Angebot für ihre spezifischen Transportanforderungen und Einsatzzwecke zu bieten.

Indem wir emissionsfreie und autonome Technologien in einem Produkt kombinieren, testen wir Lösungen für mögliche zukünftige Herausforderungen unserer Kunden“, sagt John O’Leary, Präsident und CEO von Daimler Truck North America. „Wir möchten ihnen Optionen bieten, die es ihnen ermöglichen, das zu tun, was sie am besten können: die Welt heute und auch in Zukunft in Bewegung zu halten. Das erfordert viele Jahre Vorausschau, Hinterfragen, Testen, Lernen, Verbessern und Co-Creation mit unseren Kunden, um letztendlich die richtige Lösung zu finden. Dieser Lkw ist ein großartiges Beispiel für den Beginn dieses Prozesses.“

Joanna Buttler, Leiterin Global Autonomous Technology Group, Daimler Truck: „Gemeinsam mit Torc Robotics machen wir erhebliche Fortschritte bei der geplanten Einführung autonomer Lkw in den USA im Jahr 2027. Während wir für diese erste Markteinführung auf autonome Lkw mit konventioneller Antriebstechnik setzen, blicken wir immer auch weiter in die Zukunft. Wir werden einen iterativen Ansatz bei der Entwicklung, Erprobung und Optimierung der Technologien zu autonomem und emissionsfreiem Fahren verfolgen und dabei gemeinsam mit unseren Flottenkunden die vielversprechendsten Anwendungsfälle untersuchen.

Technisches Konzept verbindet das Beste aus zwei Welten

Der Elektro-Lkw Freightliner eCascadia bildet die Basis für den autonomen Technologieträger. Das Modell eCascadia kam im Jahr 2022 auf den Markt und hat bis heute mehr als 6 Millionen Meilen – knapp 10 Millionen Kilometer – bei Kunden in mehr als 55 Flotten in den USA zurückgelegt. Der emissionsfreie Lkw wurde für optimale Produktivität für Flotten entwickelt, die auf effiziente, emissionsfreie Sattelzugmaschinen umsteigen möchten, so Daimler Truck in seiner Mitteilung.

Verschiedene Batterie- und Antriebsachsenoptionen sind erhältlich, die je nach Konfiguration eine typische Reichweite von bis zu 370 Kilometer bieten. Die Batterie könne in nur 90 Minuten von Null auf 80 Prozent Kapazität aufgeladen werden. Für zusätzliche Sicherheit auf der Straße ist der eCascadia serienmäßig mit dem Sicherheitspaket Detroit Assurance ausgestattet, einschließlich Active Brake Assist 5.

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Erstmals ist die Sensorik und die Computer-Hardware des sich gegenwärtig in der Erprobung befindlichen autonomen Cascadia mit Dieselantrieb nun in einer kompakten Einheit auf dem batterieelektrischen eCascadia mit kurzem Fahrerhaus für den Verteilerverkehr oder Kurzstrecken integriert. Um eine ausreichende Kühlung zu gewährleisten, entwickelte das Vorentwicklungsteam ein fortschrittliches Konzept für die Kühlung der Recheneinheit, die platzsparend zwischen Fahrer- und Fahrgastsitz positioniert ist.

Maßgeschneiderte Software biete dem autonomen System Steuerungsschnittstellen und Rückmeldung zu wichtigen Daten zum Fahrzeugstatus. Die eigenentwickelte Abdeckung der Sensorleiste, die Kameras, Lidarsensoren und Radarsensoren enthält, verbessere die Aerodynamik und biete einen besseren Schutz vor Beschädigung und Verschmutzung. Vier zusätzliche 12-Volt-Batterien sorgen für einen integrierten Energiespeicher, so dass die virtuelle Fahrereinheit auch bei inaktiven Hochvolt-Batterien mit elektrischer Spannung versorgt und betrieben werden könne. Dies sorgt laut Daimler Truck für einen unterbrechungsfreien autonomen Fahrbetrieb und erhöhte Effizienz und Sicherheit.

Blick in die Zukunft

Der autonome eCascadia Technologieträger soll einen Einblick in zukünftige autonome Anwendungsfälle geben, einschließlich kürzerer, dedizierter Routen und der Nutzung einer emissionsfreien Infrastruktur. Je nach Anwendungsfall könnten zukünftige autonome Lkw auch mit Wasserstoff angetrieben werden.

In der aktuell priorisierten Hub-to-Hub-Anwendung fährt der Lkw autonom zwischen Frachtzentren entlang von US-Autobahnkorridoren. In einem möglichen Zukunftsszenario könnten die Ladeinfrastruktur und autonome Logistikzentren zusammengeführt werden. Der elektrische Ladevorgang könnte gleichzeitig mit der Ladungsaufnahme erfolgen, was die Effizienz für die Transportunternehmen weiter steigern würde.

Der autonome eCascadia Technologieträger hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Serienmodell des Freightliner eCascadia. Dabei werden Synergien im Entwicklungsprozess genutzt und Engineering-Prozesse optimiert. Zudem werde der Nutzen durch eine vereinfachte Wartungsmöglichkeit erhöht, wenn beim Kunden bereits Vorerfahrungen mit dem batterieelektrischen eCascadia existieren.

Kontinuierlicher Fortschritt

Daimler Truck stellte 2015 den Freightliner Inspiration Truck vor. Dieser Lkw war das erste lizenzierte autonome Nutzfahrzeug der SAE-Stufe 2 für den öffentlichen Straßeneinsatz in den USA. Bis 2027 will das Unternehmen serienreife autonome Lkw gemäß SAE-Level 4 in den USA auf den Markt bringen. Gemeinsam mit Torc hat Daimler Truck laut eigener Aussage deutliche Fortschritte gemacht und bewiesen, dass Software für autonomes Fahren komplexe Aufgaben auf öffentlichen Straßen sicher bewältigen kann. Seit einem Jahr erprobt Torc mit ausgewählten Logistikunternehmen wie Schneider und C.R. England den autonomen Freightliner Cascadia Lkw in realen Anwendungen. Die Fracht der Kunden werde dabei erfolgreich autonom befördert auf der Test-Route zwischen Phoenix, Arizona, und Oklahoma City, Oklahoma.

Daimler Truck möchte die hoch skalierbaren und hoch profitablen Marktchancen des autonomen Fahrens nutzen und plant, im Jahr 2030 mit autonomem Fahren einen Umsatz von mehr als 3 Milliarden Euro und ein EBIT von über 1 Milliarde Euro zu erzielen.

Quelle: Daimler Truck – Pressemitteilung vom 08.05.2024

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Herwig:

Ein Truck muss ja nicht unbedingt autonom durch den Stadtverkehr fahren!
Es reicht, wenn er von einem menschlichen „Lotsen“ auf einen Parkplatz am Highway gestellt wird. Dann kann er autonom zum Ziel-Parkplatz fahren und wird dort von einem anderen Lotsen abgeholt und z.B. zum Frachtzentrum gesteuert!

Silverbeard:

Meines Wissens nach passieren die Unfälle mit Teslas Autopiloten nicht auf Highways, sondern hauptsächlich im Stadtverkehr. Wie ein Semi ausgestattet sein wird, wenn die Testphase bei den Kunden abgeschlossen ist, wissen wir noch gar nicht.
Und ob Daimler dann tatsächlich 2027 in den USA Level 4 verkaufen wird, warte ich erstmal ab. Was man von Ankündigungen halten darf, sollte wir inzwischen (auch durch Tesla) gelernt haben.

Steven B.:

und wieder ein Hersteller mit einer technik am Markt, welche Tesla seit Jahrzehnten verspricht – ausgerechnet die Logistiksparte anzugreifen ist meiner Meinung nach sehr schlau. Dort kann man Geld verdienen, wenn man mit Lösungen und Konzepten punktet.

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