BYD Black Dolphin: Chinas ID.3-Widersacher

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BYD

Wolfgang Gomoll
Wolfgang Gomoll
  —  Lesedauer 5 min

Chinas Automobil-Nummer eins BYD setzt zum Sprung nach Europa an. Der Dolphin nimmt den ID.3 ins Visier und erweist sich vor allem aufgrund des günstigen Preises als veritabler Konkurrent. Allerdings muss man sich mit einigen Besonderheiten arrangieren.

Namen können die Chinesen. Unbestritten. Da gibt es eine Marke Namens Weltmeister (die Älteren werden sich erinnern, dass Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft sich auch mal so nennen durfte), einen Göttinnen-Fahrmodus in der Ora Ballet Cat (Ballett Katze) und jetzt eben den BYD Dolphin. Da werden sich die Älteren vielleicht an einen klugen Delfin namens Flipper erinnern. Im Vergleich zu Volkswagen geht dieser Punkt bei einem Kompaktmodell eindeutig an Chinas größten Automobilhersteller BYD, der sich mit Tesla ein heißes Rennen um die globale Verkaufsnummer eins bei den Stromern liefert.

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Wer jetzt einen schnatternden Delfin mit einem freundlich lächelnden Gesicht erwartet, wird optisch zunächst enttäuscht. Der BYD Dolphin kommt für ein Auto aus dem Reich der Mitte vergleichsweise zurückhaltend daher. Was ja nicht unbedingt negativ sein muss, wenn man auch in anderen Regionen der Welt Erfolg haben will. Ein zweites Argument ist der Kampfpreis: Mit einem Basispreis 30.990 Euro unterbietet der Basis-Dolphin den Einstiegs-VW ID.3 um satte 9000 Euro. Aber jeder, der sich durch Ausstattungs- und Aufpreislisten gekämpft hat, weiß, dass solche Etiketten nicht immer aussagekräftig sind.

Aber schon in der Grundausstattung „Active“ bietet der China-Stromer einiges: eine Wärmepumpe, adaptives Fernlicht, vegane Ledersitze und vor allem ein ganzes Füllhorn an Fahrassistenten. Darunter einen adaptiven Tempomaten, Quer-Verkehrswarner mit aktiver Bremse vorne und hinten, einen Tür-Öffnungswarner, sobald sich ein Zweirad von hinten nähert und einen Toter-Winkel-Warner. Während die Basisversion mit einer 44,9-Kilowattstundenbatterie (WLTP-Reichweite etwa 340 km) und einem 70 kW / 95 PS Motor bestückt ist, sind es bei der von uns gefahrenen Top-Version „Design“, die im Preis von 37.990 Euro solche Extras wie ein Glasdach und eine 360-Grad-Kamera bietet, 150 kW / 204 PS und 60,4 kWh Akkukapazität, was für 427 WLTP-Kilometer reichen soll. Besonders stolz sind die Chinesen auf die kobaltfreie „Blade“-Batterie, deren Zellen die Form von Messerklingen haben, die thermisch besonders stabil sind und sogar eindringende Nägel verkraften sollen, ohne sofort in Flammen aufzugehen.

Allerdings wirft die überschaubare Ladeleistung von 11 kW (AC-Lader / dreiphasig) und 88 kW DC-Stromtanken einen kleinen Schatten auf den Delfin. Bei optimaler Ladeleistung sind die Akkus in 29 Minuten von 30 auf 80 Prozent gefüllt. Feines Detail: Wer will, kann die Batterie des Dolphin als Kraftspender für den eigenen Elektrogrill oder E-Kompressor nutzen. Der Innenraum mit seinem fünf Zoll großen Instrumenten-Monitor hinter dem Lenkrad und dem 12,9 Zoll großen Touchscreen weckt Erinnerungen an den ID.3. Nur fehlt das Head-up-Display mit der Augmented-Reality-Grafik. Die Bedienung des Infotainments hat uns vor keine großen Aufgaben gestellt, auch der Sprachassistent erfüllt seine Aufgabe schon ganz gut, auch wenn da noch ein bisschen Luft nach oben ist. Ebenso wie bei der Software, die noch die eine oder andere Feinjustierung braucht. Zum Beispiel kommen die Navigationsansagen zu spät und der Bildschirm verdunkelt sich bisweilen bei hellen Lichtverhältnissen. Das haben der Dolphin und der ID.3 gemeinsam. Auch beim VW liefen die Algorithmen anfangs nicht rund.

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Der Hartplastikanteil im Innenraum ist ähnlich hoch wie es bei den Vor-Modellpflege-VW-ID-Modellen. So richtig störend ist das nicht, vor allem wenn man das gute Preis-Leistungs-Verhältnis betrachtet. Zumal die Oberflächen im Neuzustand nicht allzu billig wirken, etwa weil die Drehschalter in der Mittelkonsole für das Automatikgetriebe und die Lautstärke mit einer geriffelten Oberfläche versehen sind. Bei den etwas fummeligen Bedienelementen für die Fahrmodi, das ESP und die Klimaanlage ist das dagegen nicht der Fall.

Beim Fahren gibt der Dolphin im Großen und Ganzen eine gute Figur ab. Das Fahrwerk ist betont komfortabel abgestimmt, ohne dass die Karosserie zu stark nachwippt. Dass sich der Aufbau in den Kurven schon ziemlich neigt, ist nur die logische Konsequenz dieses Set-ups. Die Lenkung ist indirekt und kein Muster an Präzision, was aber beim Dahingleiten nicht zu sehr ins Gewicht fällt. Entspanntes Cruisen ist die große Stärke des chinesischen Kompakt-Stromers. Die 150-KW-Leistung und das Drehmoment von 310 Newtonmeter reichen völlig aus. Zumal der 1658 Kilogramm schwere BYD in sieben Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigt und bis zu 160 km/h schnell ist. Vor allem die Elastizität zwischen 80 und 120 km/h ist angenehm und verleiht eine gewisse Souveränität. Bei den vier Fahrprogrammen Schnee, Eco, Normal und Sport, die über den erwähnten Drehschalter angewählt werden, sind Unterschiede im Umsetzen der Gaspedalbefehle spürbar, aber selbst in Eco mutiert man keinesfalls zur rollenden Schikane. Der Verbrauch passt ohnehin. Nach unserer Testfahrt meldete der Bordcomputer 17,2 kWh/100 Kilometer.

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Raum bietet der 4,29 Meter lange Dolphin genug, auch auf den Rücksitzen kann man es sich bequem machen. Der Kofferraum hat ein Basisvolumen von 345 Litern, legt man die Lehnen der Rücksitzbank um, werden 1310 Liter daraus. Allerdings muss man das Gepäck über eine hohe Ladekante und eine enge Luke wuchten. Als Alternative stehen einige Ablagen im Innenraum zur Verfügung. Also kann man sich auf diesen Delfin durchaus freuen, genauso wie bei Flipper. Die Älteren werden sich erinnern.

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Wolfgang Gomoll

Wolfgang Gomoll

Wolfgang Gomoll beschäftigt sich mit dem Thema Elektromobilität und Elektroautos und verfasst für press:inform spannende Einblicke aus der E-Szene. Auf Elektroauto-News.net teilt er diese mit uns. Teils exklusiv!

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Wolfbrecht Gösebert:

:)

BTW: Es geht noch diffiziler:
Unter dem Foto einer Küche in einer offiziellen KfW-Broschüre stand: „Küche mit Koch-Essecke“

Im schlimmsten Fall: Werden dort Köche gegessen? Oder darf nur der dort essen? … Gemeint aber war Koch-/Essecke :)

Stetto:

LFP ist die Zukunft im Budget-Segment. Der Preis und die Lebenszeit der Zellchemie ist einfach unschlagbar. LNMC ist etwas für Mittel- und Oberklasse und Menschen, die sich ein Fahrzeug für 40.000€ aufwärts leisten können.

Tesla ist in Europa doch auch nicht mit dem kolportieren Preis von 34000€ eingestiegen, sondern mit über 40.000€! BYD wird genauso wie jeder andere Hersteller hoch einsteigen und dann die Preise senken, während sie ihre Produktionskapazitäten erhöhen. Der Preis auf dem chinesischen Markt zeigt wieviel Preiselastizität übrig ist.

Ich glaube die deutschen Hersteller sind gerade schon genug am schwitzen. Tesla, Hyundai/Kia, BYD, Nio,… das sind die Hersteller mit wegweisenden BEV-Konzepten. Von deutschen Herstellern kommt da nicht viel.

Stetto:

BYD ist alles andere als, was landläufig „Chinaware“ genannt wird. BYD ist unter den Top 3 führenden E-Auto-Herstellern weltweit und der Markteinstieg von BYD in Europa ist eine der besten Neuigkeiten von 2023. Über Toyota und Hyundai wurde zu Beginn auch gelacht und jetzt sind es etablierte Marken in Deutschland. Der Preis des BYD ist in Europa so hoch, weil sie noch nicht die Produktionskapazitäten haben um einer großen Nachfrage gerecht zu werden, ohne ihren Kernmarkt zu vernachlässigen. Da macht es schon Sinn sich preislich an den Konkurrenten zu orientieren und erstmal langsam in den Markt einzusteigen.

EinfachNurKlarDenken:

Wenn ich mir das richtig ansehe, ein Frontkratzer aber mit LFP-Akkus und 800V-Technik. Und dazu diese für aktuell schwache Ladeleistung ?!. Eine knapp 45 kWh große Batterie mit einem 95 kWh Antriebsmotor, mal ehrlich da weis der Grundpreis nicht wirklich zu überzeugen. Passender Verbrauch von 17,2 kWh/100km, na ich weis nicht, kein Fortschritt !!!
Stellt sich der z.Zt. bei Tesla kolportierte Preis für das M3SR mit um die 34000€ als richtungsweisend für Highland dar, dann ist BYD mit seiner Preisgestaltung in Europa aber sowas von auf dem Holzweg.
Wenn ich schon nicht nur bei den VAG-Modellen kopfschüttelnd die Läden nach Probefahrt verlassen habe, hier wohl erst recht. Denn viele Händler gibt es wohl noch nicht.
Ganz ehrlich, man vermisst sie, die BEV die wirklich zusagen und in der Summe ihr Geld wert sind. Und dann noch ein BEV aus einem totalitären Land, dessen kurz- und mittelfristige Politik kriegerische Auseinandersetzung deutlich erwarten lässt; diese Frage zum Gewissen muss sich jeder selber stellen, auch und obwohl die teutonischen OEM besonders gerne dort leider einkaufen.
Hatte mal mehr erwartet aus dem Reich der Mitte, insbesondere um die hier auf hohen Ross sitzenden Hersteller ins Schwitzen kommen zu sehen, Fehlanzeige !!
Die echte Revolution wird wohl erst mit der beginnenden Produktion in Mexiko beginnen.

Sven Tiersc:

Der Typo ist so schön – bitte ihn nicht korrigieren:)

Sven Tiersc:

In der Tat irre. Zerklüftet und durch lauter drauf geschraubte und -getackerte Komponenten bestimmt.

Michael Neißendorfer:

Da hat sich tatsächlich ein kleiner Fehler eingeschlichen, den erst das vierte paar Augen entdeckt hat. Danke für den Hinweis, auch wir sind amüsiert. Ist jetzt aber korrigiert. Schöne Grüße, Michael

Paul Nudloch:

Weil Sie mir Ihrer tausendfach geäußerten und bekannten Meinung über Tesla einfach nerven, nerven, nerven.

Rosi:

Außen super, innen geht der gar nicht.

Gottfried Vasen:

„einen toten Winkelwarner“.
You made my day:)

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